Dadord in Frangn

Band VIII – Leseprobe

Prolog
Samstag, 19. September 1987, 21:05 Uhr – Aufseßstraße, Bamberg

Der Badetag im Aufseesianum war vorbei. Wie an jedem Samstag wurden die Schüler des Klosters zur körperlichen Reinigung angehalten – ein wöchentlicher Pflichtakt hinter den ehrwürdigen Mauern des alten Internats. Das angrenzende Badehaus, verbunden mit dem in den 1960er-Jahren errichteten Hallenbad, stand sowohl den Buben des Knabeninternats als auch den Mädchen des separierten Trakts zur Verfügung.

Es war kurz nach neun Uhr abends, als der dreizehnjährige Anselm Goretta von der Oberin der Schwestern vom Engelshügel gerufen wurde.
Es war nicht das erste Mal. Und der Junge wusste längst, was folgen würde. Ein Entkommen gab es für ihn nicht mehr.

In dieser kirchlichen Institution war die Trennung der Geschlechter nicht nur organisatorisches Prinzip, sondern ideologisches Dogma. Monoedukation nannte man das – eine Schulform, die strikte Geschlechtertrennung nicht nur im Unterricht, sondern auch im Alltag durchsetzte. Oberin Dorothea und Abt Kunibert führten das Internat mit einer Strenge, die körperliche Züchtigung nicht nur erlaubte, sondern nahezu erwartete.

Beinahe täglich kam es zu sogenannten Strafmaßnahmen – wegen angeblicher Schummeleien, kleiner Rangeleien unter Buben oder vermeintlicher Vergehen im abgeschotteten Bereich der Mädchenschule. Viele dieser Maßnahmen dienten nicht der Erziehung, sondern der Machtdemonstration. Und manche von ihnen trugen ein dunkles Geheimnis in sich.

Anselm stand vor der schweren Eichentür. Zögernd legte er die Hand auf die           Klinke, drückte sie hinunter und trat ein. Schweigend betrat er die karg eingerichtete Schlafzelle.

Oberin Dorothea saß auf einem Hochlehnstuhl in der Mitte des Raumes.

Ihr Blick war kalt, reglos, fordernd.

„Dich hat der Beelzebub geschickt. Schließe die Tür. Zieh dein Nachtgewand aus. Ich habe dich erwartet“, sagte sie mit fester Stimme.

Ein schwarzer Rosenkranz aus Ebenholz war um ihre rechte Hand gewickelt, mit der sie ihn zu sich dirigierte.

Anselm gehorchte. Mechanisch. Er zog das Hemd aus, verbarg instinktiv seine Blöße und trat vorsichtig näher. Die Oberin saß reglos auf dem Hochlehnstuhl – nackt, einen Bambusstab in der Hand. Ein weiterer Rosenkranz hing über ihrem Brustbein.

„Knie dich nieder. Komm näher. Ich will deine flinke Zunge spüren. Du kennst deinen Auftrag – streng dich an.“

Der Junge kniete sich nieder, den Blick gesenkt – doch er wusste genau, was ihn erwartete. Diese Rituale folgten einer Choreografie, die sich unauslöschlich in seine Erinnerung gebrannt hatte.

Mit einer fast feierlichen Geste zog Dorothea ihm den Rosenkranz über den Kopf, wie einen dunklen Heiligenschein, und setzte die Spitze des Bambusstabs an seinen Rücken.

Er wusste nie, wann der erste Schlag kommen würde – das war Teil ihrer perfiden Macht. Sie spielte mit seiner Angst, mit seinem Schmerz, mit seiner Ohnmacht. Und mit seiner Scham. Je deutlicher sich seine kindliche Reaktion zeigte, desto erbarmungsloser wurde sie.

Anselm fügte sich. Klaglos. Wie immer. Der Schmerz war längst Teil seiner Welt geworden. Die Wunden reichten tiefer als die Haut.

Was aber niemand ahnte: Aus den Schatten dieser jahrelangen Qual sollte etwas wachsen.
Etwas Kaltes.
Etwas Zerstörerisches.

Ein Junge, gebrochen von einer Welt, die vorgab zu retten – aber ins Verderben führte.
Ein Opfer, das zum Täter werden sollte.
Ein Kind, geformt zur Bestie.
Ein „Erlöser des Bösen.“

 

  1.                                  1.  Kapitel
    Samstag, 11. Februar 2023, 21:55 Uhr – Ü-40-Faschingsball auf der Mississippi Queen, Donaustraße, 90451 Nürnberg
  2.  

Die Party war in vollem Gange. Nürnbergs Narren hatten sich auf dem Clubschiff „Mississippi Queen“ versammelt – ein schwimmender Treffpunkt für alle über vierzig, die suchten: Liebe, Lust, Ablenkung oder einfach eine Nacht, die den Alltag vergessen ließ. Hier, auf dem sogenannten „Dampfer der einsamen Herzen“, zählte nicht, woher man kam – sondern nur, wonach man verlangte.

Auch Anselm Goretta war gekommen. Wie in den Jahren zuvor hatte er sich an der Steuerbordseite des Schiffs positioniert, ein stiller Beobachter mit kühlem Blick. Menschenansammlungen mied er eigentlich – außer in der fünften Jahreszeit, wo die Masken die Seelen durchlässiger machten.

Seine Kostümwahl war auch in diesem Jahr kein Zufall. Er trug eine Soutane – allerdings keine gewöhnliche. Der schwere Stoff, tiefschwarz, wirkte wie aus einem Albtraum katholischer Symbolik entsprungen. Auf der linken Brustseite prangte ein umgekehrtes silbernes Kreuz, in dessen Mitte ein hellrotfarbener Ziegenkopf eingraviert war – das Symbol Baphomets.

Sein Gesicht hatte er mit dunklem Lidschatten und rötlichem Rouge maskiert, die Augenhöhlen tief geschwärzt, die Lippen blass. In der linken Hand hielt er ein kleines, abgegriffenes Lederbuch, auf dessen Einband ebenfalls okkulte Symbole prangten.

Er war nicht gekommen, um zu tanzen. Er war gekommen, um zu finden. Und wie so oft in den letzten Jahren – fand er.

Es war kurz nach zehn, als sein Blick an der Bar hängen blieb. Eine Frau, Ende vierzig, allein, als Nonne verkleidet. Das weiße, schlichte Ordensgewand wurde von einem Zingulum gehalten – der traditionelle Gürtel mit drei symbolischen Knoten: Armut, Keuschheit, Gehorsam. Doch einer der Knoten fehlte.

Der der Keuschheit.

Goretta fror innerlich. Ein Stromstoß zuckte durch ihn, als sein Blick das Gewand erfasste. Der Trigger war gesetzt. In seinem Inneren flackerte ein Film auf – knatternd wie ein alter Projektor – und spulte Szenen seiner Kindheit ab. Die Stimme der Oberin Dorothea, seine Peinigerin aus dem Kloster, wurde lebendig.

Ihre Worte, ihre Rituale, ihr Geruch – alles war wieder da.

Er hörte sie reden. Flüstern. Befehlen.

Und das Kind in ihm, der gebrochene, missbrauchte Junge, trat aus der Dunkelheit. Der Befehl kam nicht mehr von außen. Er war längst in ihm.

Diese Frau, sagte die Stimme, muss sterben.

Anselm trat an die Bar, fixierte sie, studierte ihre Bewegungen. Sie war allein. Entspannt. Offen. Die perfekte Zielperson. Er lächelte und sprach sie an.

„Guten Abend, Frau Oberin. Heute alleine unterwegs? Der Abend ist noch jung. Ich bin Sorat – so nennen mich meine Freunde. Und du?“

Die Frau lachte leise, schob ihr Glas zur Seite und hielt ihm ein silbernes Kreuz entgegen. „Du hast eine interessante Stimme, Sorat. Und dein Kreuz hängt falschrum – deine Frau hätte dich vielleicht besser kontrollieren sollen, bevor sie dich gehen ließ.“

Ein harmloser Scherz. Aber für ihn war es ein weiteres Echo aus der Hölle.

„Ich bin Ivette“, sagte sie und nippte an ihrem Drink. „Und ja, ich trage mein Kreuz richtig. Ganz brav. Für mein Kostüm.“

„Ein schöner Name“, erwiderte er. „Gibt’s hier in Nürnberg noch Klosterschulen – oder arbeitest du in einem karitativen Bereich?“

Ivette grinste: „Charmant bist du ja. Und ein bisschen schräg. Ich mag’s. Willst du tanzen, Sorat? Die Novizin und der Antichrist – klingt doch nach einer höllisch guten Kombination.“

„Zum Tanz des Teufels“, flüsterte er. Und reichte ihr die Hand.

… vier Stunden später …

Die dritte Stunde des Sonntags war angebrochen, als Streifenbeamte der Polizeiinspektion Nürnberg-Süd zu einem Einsatz nahe der Donaustraße gerufen wurden. Unweit einer Brückenunterführung der Stadtautobahn hatten Besucher der Ü-40-Party auf dem dortigen Parkplatz eine leblose Gestalt entdeckt – angelehnt an einen der massiven Brückenpfeiler. Es handelte sich augenscheinlich um eine weibliche Person, bekleidet mit einem schwarzen Nonnenhabit. Die Hände waren rechts und links vom Körper ausgestreckt und mit langen, rostfreien Stahlnägeln in den Boden geschlagen – als wollte jemand ein makabres Kreuzigungsbild inszenieren.

Besonders auffällig war der Zustand des Schleiers, der Kopfbedeckung der Frau: Er war an der Stirn blutgetränkt – dort prangte ein silbernes Pentagramm, etwa fünf Zentimeter groß, mit nach unten zeigender Spitze. Die fünf Zacken waren durch gerade Linien verbunden, sodass sich ein durchgehender Stern ergab – ein Drudenfuß, nach unten gekehrt. Im Zentrum des Symbols war ein hellrotes Emblem eingelassen: der stilisierte Kopf eines gehörnten Ziegenbocks – Baphomet.

Mit einer Präzision, die ritualhaften Charakter hatte, war das Symbol mit einem weiteren Nagel durch die Stirn der Frau in den Schleier geschlagen worden. Es war unzweifelhaft die Todesursache. Die Szenerie wirkte surreal – brutal und zugleich erschreckend durchdacht. Nichts deutete auf ein spontanes Verbrechen hin. Es war ein Akt, der eine Botschaft trug. Dunkel. Unheilvoll.

Es war kurz vor halb vier, als Hauptkommissar Schorsch Bachmeyer die Nachricht vom Leichenfund erreichte. Der Dauerdienst hatte ihn aus dem Schlaf geklingelt, und nun stand er mit müden Augen im kalten Schein der Blaulichter am Rande einer abgelegenen Straße. Nebelschwaden zogen über das nasse Kopfsteinpflaster, irgendwo klapperte lose ein Blechdach im Wind.

An seiner Seite trat Kriminaloberkommissar Roland Löw aus der Dunkelheit, die Hände tief in den Taschen seiner schwarzen Lederjacke. „Blacky“ nannte ihn jeder – nicht nur wegen seiner dunklen Hautfarbe. Sein Spitzname war längst Programm: schwarze Jacken, schwarzer Humor, schwarze Soulmusik, die er selbst auf einsamen Nachtfahrten mit summte.

Beide erreichten gegen 04:15 Uhr den Tatort an der Donaustraße. Das Areal unter der Autobahn war inzwischen weiträumig abgesperrt, mit rot-weißen Flatterbändern markiert und von einer Lichtgiraffe taghell ausgeleuchtet. Die Spurensicherung war im vollen Einsatz. Robert Schenk, Leiter der Tatortgruppe, koordinierte die ersten Maßnahmen.

Als Schorsch und Blacky sich mit gezückter Dienstmarke der Absperrung näherten, hob eine uniformierte Kollegin das Flatterband an. Sie kannte Blacky – nicht aus Akten, sondern von gemeinsamen Blaulichtpartys, bei denen er regelmäßig als charmanter Tänzer für Aufsehen sorgte.

„Blacky – ihr werdet schon von der Spusi erwartet“, sagte sie mit einem Anflug von Respekt und ließ die beiden passieren.

Ute Michel, Schenks Stellvertreterin, stand mit einem Diktiergerät an der Leiche und hielt die Auffindesituation sachlich fest. Als sie die beiden Kriminalbeamten bemerkte, blickte sie auf, deutete mit dem Kinn in Richtung Robert Schenk – und dieser trat ihnen entgegen.

„Soderla“, begann Robby Schenk und wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. „Im ersten Angriff konnten wir das Spurenbild bereits fotografisch sichern. Es handelt sich mutmaßlich um eine weibliche, bislang unbekannte Person, schätzungsweise zwischen Mitte vierzig und Anfang fünfzig. Wir gehen davon aus, dass sie hier am Fundort ermordet wurde. Persönliche Gegenstände – wie Handtasche, Handy oder Geldbörse – konnten wir bislang nicht auffinden. Offensichtlich war sie jedoch gestern Abend auf dem Faschingsdampfer, das bestätigen die Aussagen der beiden Partyteilnehmer, die die Frau hier unter der Brücke entdeckt haben.“

Er machte eine kurze Pause, dann fuhr er fort: „Ich gehe stark davon aus, dass der Täter dem Opfer entweder aufgelauert hat oder es gemeinsam mit ihm diesen abgelegenen Ort hier unter der Brücke aufgesucht hat. Vielleicht, um in trauter Zweisamkeit ein paar Zärtlichkeiten auszutauschen. Oder um sexuelle Handlungen durchzuführen. Auffällig ist jedenfalls: Die Tote trägt keine Unterwäsche. Und bei einem Nonnenkostüm auf Slip und BH zu verzichten, ist zumindest… ungewöhnlich.“

Blacky konnte sich einen Kommentar nicht verkneifen. „Du Robby, in der heutigen Zeit ist alles möglich. Glaub mir, wenn dir eine im Flüsterton ins Ohr haucht: ‚Rate mal, was ich unter meinem Kostüm trage… Du kommst nie drauf… Heute Abend hab ich gar nix drunter‘ – da wirste hellhörig! Ist mir schon ein paar Mal passiert. Und gerade an Fasching, wenn sich alle irgendwie treiben lassen, gegenseitig Signale senden, kann’s schon mal heiß hergehen. Da sucht keiner nach ’ner Beziehung – da geht’s auch mal um die schnelle Nummer.“

Schorsch hörte aufmerksam zu und schmunzelte. „Der Blacky hat gar nicht so unrecht, ist mir auch schon passiert.“

Robby hob neugierig die Augenbrauen. „Mit wem denn? Etwa mit Rosanne?“

Schorsch grinste verschmitzt. „Ein Genießer schweigt. Aber wie Blacky schon gesagt hat: In der Faschingszeit sind die Damen manchmal weniger zimperlich, wenn’s um ein bisschen prickelnden Spaß geht.“

Ute Michel, die die Ausführungen ihrer drei Kollegen still mitverfolgt hatte, schüttelte leicht den Kopf und kommentierte trocken: „Typisch Männer. Stundenlang können sie sich über ihre Wunschvorstellungen vom weiblichen Geschlecht austauschen – selbst an einem Tatort. Leute, wir stehen hier nicht auf dem Ballermann, sondern vor einem Tötungsdelikt. Also: Zurück auf den Boden der Tatsachen.“

Sie warf einen prüfenden Blick auf die Umgebung. „Entweder hat sie ihren Mörder hier unter der Brücke getroffen – oder, wie Robby schon angedeutet hat, sie haben diesen stillen Ort gemeinsam ausgewählt. Fest steht: Sie hat ihrem Täter hier das letzte Mal gegenübergestanden. Ich gehe davon aus, dass der oder die Täter mögliche Beweismittel wie Unterwäsche, Handy oder andere Gegenstände im Rhein-Main-Donau-Kanal entsorgt haben. Sobald es hell genug ist, sollten wir unbedingt Polizeitaucher anfordern.“

Während Ute sich wieder der Dokumentation des Tatorts zuwandte, nahmen Schorsch und Blacky das Opfer genauer in Augenschein. Da trat Staatsanwältin Cornelia Heubeck an die Absperrung. Sie war an diesem Wochenende für den Jour-Dienst der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth zuständig. Blacky erkannte sie sofort – die junge Kollegin war in Blaulichtkreisen keine Unbekannte und ließ keine Einsatzparty in Mittelfranken aus.

„Meine Dame, meine Herren – Heubeck, Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth. Wir haben ein Tötungsdelikt vorliegen?“

Schorsch ging einen Schritt auf Frau Heubeck zu, stellte sich und seine Kollegen kurz vor und begann dann, der jungen Staatsanwältin das bisherige Spurenbild zu schildern. Er beschrieb die Auffindesituation ebenso wie die ersten Einschätzungen zur Tatzeit und zum möglichen Hergang. Besonders hob er die Aussage der beiden Zeugen hervor, die die Leiche entdeckt hatten – sowie den Hinweis, dass das Opfer die Faschingsparty an Bord der Mississippi Queen besucht hatte.

„Wenn sie tatsächlich dort war“, erklärte Schorsch weiter, „müssen wir so schnell wie möglich weitere Zeugen befragen. Bedienungen, Barkeeper, Gäste. Gerade in den ersten 24 Stunden erinnern sich Menschen noch an entscheidende Details. An Kostüme. An Begegnungen. An auffällige Gäste. Und Faschingskostüme“, er nickte in Richtung des Opfers, „bleiben im Gedächtnis – sie stechen mehr heraus als jede normale Abendgarderobe.“

Heubeck hörte aufmerksam zu, machte sich einige Notizen und nickte knapp. Ihre Miene war konzentriert, sachlich, aber nicht unbeteiligt. Man merkte, dass sie Erfahrung im Umgang mit Kapitalverbrechen hatte – auch wenn sie jünger war als viele der Anwesenden.

Es war kurz vor halb fünf, als die Mitarbeiter des Bestattungsdienstes die Leiche in den Leichentransportsack hievten. Mit routinierter Professionalität und dennoch dem nötigen Respekt führten sie ihre Arbeit aus. Heubeck trat näher und ordnete die Überführung der Toten in die Rechtsmedizin nach Erlangen an. Die Obduktion sollte möglichst noch im Laufe des Tages erfolgen.

Währenddessen meldeten sich zunehmend Zeugen bei den uniformierten Polizeikräften an der Mississippi Queen. Neben mehreren Gästen, die auf dem Partyschiff gefeiert hatten, kamen auch Mitarbeiter der Mississippi Queen auf die Beamten zu – Barkeeper, Servicepersonal, Security. Viele hatten das Opfer im Laufe des Abends gesehen. Eine junge Kellnerin, sichtlich erschüttert, erkannte die Frau sofort.

„Die kommt öfter zu unseren Veranstaltungen“, sagte sie. „Heißt Ivette. Sie kommt aus Fürth, glaub ich. War oft allein hier – aber auch oft in Gesellschaft. Heute war sie meines Wissens nach… alleine.“

Schorsch und Blacky notierten die Aussage, nahmen die Personalien der Zeugin auf und begannen, gezielt weitere Mitarbeiter zu befragen. Bald verdichtete sich das Bild: Das Opfer war keine Unbekannte – sie war Teil des festen Gäste-Stamms, freundlich, manchmal etwas extravagant. Und sie hatte offenbar niemandem erzählt, mit wem sie sich an diesem Abend eventuell treffen wollte.

Der Morgen dämmerte langsam über dem Kanal, während sich ein düsteres Bild zu formen begann – eines, das Fragen aufwarf, aber auch erste Spuren hinterließ. Und alle führten zurück auf das Partyschiff in dieser einen Nacht voller Masken, Musik – und einem tödlichen Ende.

  1. 2. Kapitel

Montag, 13. Februar 2023, 07:34 Uhr – Polizeipräsidium Mittelfranken, K 11

Schorsch Bachmeyer und sein Kollege Horst Meier hatten sich gerade ihre zweite Tasse Kaffee eingeschenkt, als Kommissariatsleiter Raimar Schönbohm das Büro betrat und mit einem kurzen Gruß die morgendliche Ruhe unterbrach.

„Tja, Herr Bachmeyer, ich habe mir eben das Online-Tagebuch vom Kriminaldauerdienst angesehen – Ihr Bereitschaftswochenende hat uns mal wieder eine Leiche eingebracht“, sagte er kopfschüttelnd. Dann fügte er mit einem Anflug von Sarkasmus hinzu: „Ein Opfer, verkleidet als Nonne – originell, wenn es nicht so ernst wäre. Wir haben heute unsere große Lagebesprechung. Gibt’s schon etwas zum Tathergang? Zeugen?“

„Ein paar erste Aussagen liegen vor“, erwiderte Schorsch ruhig. „Die Obduktion ist für den Vormittag angesetzt. Professor Dr. Nebel will gegen zehn Uhr beginnen. Ich kann in der Besprechung eine erste Einschätzung abgeben – unter anderem auf Grundlage der Aussagen des Servicepersonals und einiger Gäste von der Party.“

„Gut“, nickte Schönbohm zufrieden. „Dann erspare ich uns die Nachfragen bis neun. Muss ich mir nicht alles zweimal anhören.“ Mit diesen Worten verließ er das Büro.

Lagebesprechung, 08:57 Uhr – Erdgeschoss, Raum 07, großer Besprechungsraum

Die Ermittler des K 11-Teams, Robby Schenk und Ute Michel von der Tatortgruppe, Michael Wasserburger von der Kriminaltechnik sowie Günther Gast von der EASy[1], hatten bereits Platz genommen, als Schönbohm gemeinsam mit Oberstaatsanwalt Dr. Menzel den Raum betrat. Nach einem kurzen organisatorischen Hinweis auf das aktuelle Tagesgeschäft übergab Schönbohm das Wort an Schorsch Bachmeyer.

„Liebe Kolleginnen und Kollegen“, begann dieser mit ernster Stimme. „In der Nacht von Samstag auf Sonntag kam es zu einem Kapitalverbrechen. Die Geschädigte: Ivette Gögel, 49 Jahre alt, wohnhaft in Fürth. Sie wurde in unmittelbarer Nähe des Partyschiffs ‚Mississippi Queen‘ am Nürnberger Hafen tot aufgefunden – brutal ermordet und in auffällig ritueller Manier drapiert.“

Schorsch hielt kurz inne, bevor er fortfuhr:

„Zeugen berichten, dass die als Nonne verkleidete Frau während der Faschingsfeier engen Kontakt zu einem Mann suchte. Beide wurden mehrfach gemeinsam beobachtet – sie tanzten, lachten, tranken. Offenbar hatten sie einen recht unterhaltsamen Abend miteinander. Ob das Opfer ihren Begleiter bereits kannte oder ob sie ihm an diesem Abend zum ersten Mal begegnet ist, lässt sich derzeit noch nicht sagen.“

Er schlug seine Notizen auf und fuhr fort:

„Der Mann wurde von mehreren Personen beschrieben: Alter zwischen Mitte und Ende vierzig, etwa 1,80 Meter groß, vierschrötige Statur. Er trug einen schwarzen Anzug – möglicherweise eine Soutane oder ein ähnlich geschnittenes Kostüm mit auffälligem Römerkragen. Auffällig war zudem ein silbernes, auf dem Kopf stehendes Kreuz, das er am Revers trug. Die Gesichtspartien waren geschminkt – möglicherweise eine Halloween- oder Karnevalsmaske, vielleicht aber auch echte Schminke.“

Bachmeyer blickte in die Runde.

„Einige Zeugen meinen, er habe eine Perücke getragen. Andere hingegen behaupten, er habe seine echten Haare lediglich mit einem schwarzen Farb-Haarspray getönt. Kurzum: Eine exakte Personenbeschreibung liegt uns bislang nicht vor.“

„Hinzu kommt“, fuhr Schorsch fort, „dass sich auch die Security nicht sicher ist, ob die beiden das Partyschiff gemeinsam verlassen haben. Die anschließende Auffindesituation des Opfers zeigt jedenfalls, dass wir es mit einem Täter zu tun haben, der äußerst brutal und mit großer Entschlossenheit vorgegangen ist. Das Opfer wurde regelrecht am Boden festgenagelt. Der Täter hat ihr offenbar beide Handrücken mit Nägeln, vermutlich mittels eines Bolzenschussgeräts oder einer ähnlichen Vorrichtung, auf dem Asphalt unter der Brückenunterführung fixiert.“

Er atmete kurz durch, ehe er fortfuhr: „Es ist davon auszugehen, dass die Fixierung post mortem erfolgte – nachdem er dem Opfer ein besonderes Symbol auf die Stirn gesetzt hatte. Auch hierbei kam offenbar ein solcher Apparat zum Einsatz. Der endgültige Befund der Gerichtsmedizin steht zwar noch aus, aber nach dem bisherigen Eindruck hat der Täter einen 4,1 Zentimeter langen Nagel mit einem roten Plastik-Kopfende durch die Stirn des Opfers getrieben – und damit ein metallisches Emblem regelrecht in ihren Schädel geschossen.“

Michael Wasserburger, der mit verschränkten Armen zugehört hatte, meldete sich nun zu Wort. „Schorsch, bei dem verwendeten Gerät handelt es sich ziemlich sicher nicht um ein Bolzenschussgerät – sondern um eine handelsübliche Nagelpistole“, erklärte der Kriminaltechniker und klappte sein Tablet auf. „Die wird auf Baustellen verwendet – für Beton, Holz, Metall. Damit kann man alles Mögliche befestigen: Rohrleitungen, Stromschienen, Verkleidungen – sogar Stahlträger. Und diese Pistolen sind klein genug, dass man sie problemlos in einem Mantel oder Rucksack mitführen kann. Viele Modelle verfügen über einen integrierten Schalldämpfer, der sie im Einsatz nahezu geräuschlos macht.“

Er tippte auf das Display. „Schaut mal her – das hier ist ein aktuelles Angebot auf Amazon. Da ist sogar ein passendes Set Nägel dabei – mit rotem Kopfende, exakt wie wir sie bei der Spurensicherung gefunden haben.“

Schorsch lehnte sich zurück und sagte trocken: „Der Kriminaltechnik entgeht einfach nichts. Danke, Michael – aber genau so ein Nagel wurde beim Entfernen der Nägel in der Hand asserviert. Treffer.“

Dr. Menzel, der sich bis dahin zurückgehalten hatte, hob die Augenbrauen und fragte: „Und zu diesem Symbol, das dem Opfer in die Stirn getrieben wurde – wissen wir darüber schon mehr?“

Blacky meldete sich aus der zweiten Reihe. „Ja, das Symbol ist ein regelmäßiges Fünfeck in einem Kreis – ein sogenanntes Pentagramm“, erklärte er und klang dabei, als hätte er sich eingehend damit beschäftigt. „Wird oft mit esoterischen oder okkulten Kreisen in Verbindung gebracht. Ursprünglich war es aber ein Schutzsymbol – und auch das Zeichen der Freimaurer. Die alten Geheimbünde haben dieses Zeichen als ihr Erkennungsmerkmal verwendet. Die treffen sich nach festen Riten, schweigen über ihre Mitgliedschaft – und glauben an bestimmte überlieferte Wahrheiten, die der Allgemeinheit verborgen bleiben sollen.“

Er lehnte sich vor und verschränkte die Hände auf dem Tisch. „Aber heute wird das Pentagramm auch in ganz anderen Kreisen verwendet. Gerade im Zusammenhang mit Ritualmorden oder satanistischen Gruppen hat es eine eigene Bedeutung.“

Blacky fuhr fort: „Und was hier passiert ist, sieht mir stark danach aus. Darüber hinaus findet man das Pentagramm in zahlreichen Wappen und Markenzeichen.“

In vielen islamischen Staaten etwa symbolisieren die fünf Zacken des Sterns die fünf Säulen des Islams. In der christlichen Welt wiederum verweisen sie auf die fünf Wundmale Christi. Im Mittelalter – etwa zwischen 1000 und 1500 – diente das Symbol dem Schutz gegen das Böse. Damals glaubte man, dass die Geister der Nacht, insbesondere die sogenannten Druden, sternförmige Trittsiegel hinterließen – den sogenannten Drudenfuß. Noch weiter zurück, etwa im 6. Jahrhundert v. Chr., war das Pentagramm das Erkennungszeichen der Pythagoräer – ein Symbol der Ordnung, Harmonie und des Wissens. Man erkennt daran: Die Bedeutung dieses Zeichens ist über die Jahrhunderte hinweg vielseitig gewachsen – und immer wieder neu aufgeladen worden.“

Er machte eine kurze Pause, bevor er zum Wesentlichen kam: „Das Pentagramm, das unser Opfer um den Hals trug – ein silberner Stern im Kreis – zeigt in seiner Mitte ein auffälliges Detail: einen hellrotfarbenen Ziegenkopf, kunstvoll emailliert. Dieses Motiv stellt Baphomet dar – das Sinnbild des satanischen Prinzips, das besonders in okkulten und satanistischen Zirkeln eine zentrale Rolle spielt.“

„Donnerwetter“, kommentierte Dr. Menzel anerkennend. „Das waren bemerkenswerte Einblicke, Herr Löw. Ihre Ausführungen zeigen aber auch: Dieses Symbol kann aus ganz verschiedenen ideologischen oder spirituellen Kontexten stammen – Freimaurer, Esoteriker, Satanisten, sogar Religiöse aller Couleur.“

Schönbohm nickte und ergänzte trocken: „Tolle Erklärung, Herr Löw – aber sie bringt uns, was den Täterkreis angeht, erst mal keinen Schritt weiter. Da ist aktuell alles drin – vom Freimaurer über einen fanatisierten Islamisten bis hin zu einem Exorzisten auf Abwegen. Und im Klartext: auch ein ganz normaler Teufelsanbeter kommt infrage.“

Gunda, die den Ausführungen mit aufmerksamer Miene gefolgt war, meldete sich zu Wort. „Hatten wir nicht schon einmal ein vergleichbares Symbol bei einer alten Akte? Diese Geschichte mit der russischen Auftragsmörderin aus der schwarzen Szene? Wie hieß die noch gleich?“

„Svetlana Maranowa“, antwortete Horst sofort. „Die Mörderin von Dr. Siegfried Helm. Der hat damals mehrere Teufelsanbeter liquidieren lassen – angeblich aus ideologischer Überzeugung.“

„Zurück zum Fall Gögel“, warf Schönbohm ein. „Was hat die Wohnungsdurchsuchung beim Opfer ergeben?“

Schorsch öffnete seinen Notizblock und begann zu referieren: „Nachdem wir über das Einwohnermeldeamt eine Ivette Gögel aus Fürth identifizieren konnten, haben wir mit einem richterlichen Beschluss ihre Wohnung in der Espanstraße durchsucht. Es handelt sich um eine Dreizimmerwohnung – ordentlich, unspektakulär eingerichtet, keine besonderen Auffälligkeiten im Wohn- oder Küchenbereich. Die Nachbarn berichten, dass Frau Gögel allein lebte, aber häufig wechselnde Männerbekanntschaften hatte. Eine feste Beziehung soll sie in den letzten fünf Jahren nicht geführt haben.“

Er blätterte um. „Anders sah es im Schlafzimmer aus. Dort fanden wir ein fest installiertes Andreaskreuz – sauber verschraubt und mit Lederriemen ausgestattet. Darüber hinaus mehrere SM-Utensilien: eine Ledergerte, Masken, Fesseln, ein Strafbock. Die Videodateien und Bilder, die wir auf ihrem Rechner und in einem versperrten Schrank sicherstellen konnten, zeigen sie teils als dominierende Partnerin – also als Femdom – teils aber auch in der unterwürfigen Rolle. Sie hat also offenbar das sogenannte ‚Switching‘ praktiziert, also den dominanten und submissiven Part je nach Session gewechselt.“

Er sah kurz zu Schönbohm. „Die Videos zeigen heterosexuelle Spielarten – keine Anzeichen für Gruppenpraktiken oder gewalttätige Eskalation. Kurz gesagt: Sie lebte ihre sexuellen Fantasien aus – mit wechselnden Partnern. Und sie wusste offenbar genau, was sie wollte.“

„Und beruflich?“, fragte Schönbohm.

„Ivette Gögel war im Außendienst tätig – bei einer bekannten Munitionsfabrik mit Sitz in Fürth“, antwortete Schorsch. „Sie war viel unterwegs, selbstständig, unabhängig – so der Eindruck, den wir bisher gewinnen konnten.“

Er schloss seine Notizen. „Das Motiv für die Tat liegt noch im Dunkeln. Aber es scheint, als habe sie sich mit dem Falschen eingelassen.“

Horst meldete sich zu Wort:
„Wenn man das Spurenbild betrachtet, kann man durchaus davon ausgehen, dass Frau Gögel nicht nur ein Faible für Schmerzreize hatte – sie schien auch den Fesselspielchen nicht abgeneigt gewesen zu sein. Was wäre, wenn der Täter aus ihrem privaten Umfeld stammt? Vielleicht ein Mann, den sie mit nach Hause genommen hat. Jemand, der auf ihre sexuellen Vorlieben eingegangen ist, sich dann aber in einem der Rollenspiele emotional verloren hat. Vielleicht hat er das sogenannte ‚Safeword‘ vergessen – oder ignoriert – und Frau Gögel hat als Domina ihren Part konsequent weitergespielt. Mit fatalen Folgen.“

„Moment – Safeword?“, warf Gunda ein, sichtlich irritiert.

Waltraud, die sich zusammen mit Blacky und Basti ein Grinsen nicht mehr verkneifen konnte, klärte mit einem leicht süffisanten Unterton auf:
„Ein Safeword ist ein fest vereinbartes Codewort, das im Bereich BDSM verwendet wird. Damit signalisiert der empfangende Part – also derjenige, der gerade in der submissiven Rolle ist –, dass er die Handlung abbrechen will. Und das bedeutet: sofortiger Stopp. Rechtlich gesehen ist das verbindlich. Nur durch dieses klare Stoppsignal bleibt die Einvernehmlichkeit gewahrt. Ein funktionierendes Safeword ist im BDSM absolut essenziell – ohne das geht gar nichts.“

Hubsi, der der Besprechung aufmerksam gefolgt war, grinste breit und kommentierte trocken:
„Na schau her! Unsere Waltraud scheint ja bestens im Stoff zu stehen. Hast du da ein kleines dunkles Geheimnis?“

Doch Waltraud konterte scharfzüngig:
„Hubsi, du musst nicht immer von dir auf andere schließen. Und nur zur Info – solche Safewords sind auch in der homoerotischen Szene gang und gäbe. Nur mal so als kleiner Wink mit dem Zaunpfahl.“

Ein allgemeines Schmunzeln ging durch die Runde, ehe Schorsch mit einem energischen Kopfnicken das Wort übernahm:
„Soderla, jetzt aber zurück zum Fall Ivette Gögel. Horsts Gedankengang ist durchaus bedenkenswert. Vielleicht ist da tatsächlich was eskaliert – jemand hat die Kontrolle verloren oder ist emotional komplett abgedriftet. Das wäre keineswegs abwegig. Es stellt sich allerdings auch die Frage: Hat Frau Gögel ihre Neigungen ausschließlich im privaten Rahmen ausgelebt? Oder war sie – zumindest inoffiziell – gewerblich tätig?“

Er warf einen kurzen Blick in seine Notizen und fuhr fort:
„Vielleicht hat sie ohne offizielle Anmeldung ein Nebengewerbe betrieben – diskret, ohne Inserate, ohne digitale Spuren. Eventuell hatte sie Stammkunden, die sich durch Mundpropaganda an sie wandten. In diesem Fall würden wir im klassischen Sinne keinen Täter aus dem persönlichen Umfeld finden, sondern müssten tiefer graben – im Milieu, bei diskreten Kontakten, bei anonymen Beziehungen.“

Er atmete durch und wurde wieder sachlich:
„Deshalb ist es essenziell, dass wir schnellstmöglich ihre Telefonverbindungsdaten auswerten – sowohl die letzten 72 Stunden vor der Tat als auch den längerfristigen Zeitraum. Vielleicht finden wir darüber wiederkehrende Kontakte oder neue Verbindungen, die Rückschlüsse auf ein solches Klientel zulassen. Aus meiner Sicht hat das absolute Priorität. Unser Spezialist Günther Gast wird die Auswertung im EASy-System übernehmen.“

Gunda meldete sich zu Wort:
„Sehe ich genauso. Es macht absolut Sinn, die Personen zu identifizieren, die auf den sichergestellten Film- und Fotoaufnahmen zu sehen sind. Vor allem stellt sich die Frage, ob diese Männer – oder Frauen – überhaupt wussten, dass sie gefilmt oder fotografiert wurden. Und genau da kommen wir zum nächsten wichtigen Punkt: Die Kontobewegungen der Geschädigten. Haben wir es nur mit Gehaltseingängen ihres Arbeitgebers zu tun? Oder gibt es auch auffällige Einzahlungen, vielleicht in bar oder mit ungewöhnlichem Verwendungszweck?“

Sie hielt einen Moment inne, dann fuhr sie nachdenklich fort:
„Was, wenn Ivette Gögel ihre Kontakte mit dem Material unter Druck gesetzt hat? Vielleicht hat sie versucht, jemanden zu erpressen – oder sogar über längere Zeit hinweg erpresst? Auch das würde ein mögliches Motiv für die Tat liefern. Deshalb ist es entscheidend, herauszufinden, wer auf dem Bildmaterial zu sehen ist – und zu welchem persönlichen oder sozialen Umfeld diese Personen gehören.“

Dr. Menzel, der die Diskussion konzentriert mitverfolgt hatte, nickte zustimmend und schaltete sich ein:
„Ganz klar – da bin ich voll und ganz d’accord mit Ihnen, Frau Vitzthum. Das sind alles Ermittlungsansätze, denen wir intensiv nachgehen müssen. Angefangen bei den digitalen Spuren: Ihr Handy fehlt – bis jetzt jedenfalls. Umso wichtiger ist die Auswertung der Verbindungsdaten beim Mobilfunkanbieter, die wir dann über das EASy-System auswerten lassen. Vielleicht finden wir dort noch gespeicherte Kurznachrichten, Chatverläufe oder E-Mails, über die sich ein Kontakt zum Täter rekonstruieren lässt. Selbst wenn sie dem Mörder erst am Samstag begegnet ist, könnten sich Spuren auf dem Gerät oder in den Cloud-Diensten finden lassen. Ein Versuch ist es allemal wert.“

Er lehnte sich zurück und ergänzte mit ruhiger Stimme:
„Und falls der Täter tatsächlich ein Zufallsbekannter von der Party war, dann wäre das zwar bedauerlich – aber immerhin könnten wir damit eine Beziehungstat oder eine Verbindung aus ihrem persönlichen Umfeld ausschließen. Auch das wäre ein Ergebnis.“

Er blickte kurz in die Runde, dann abschließend:
„Und dann bleibt noch das Obduktionsergebnis. Vielleicht kann unser Professor Dr. Nebel Spuren sichern, die auf ein mögliches Sexualdelikt hindeuten – DNA, Hautpartikel, Gewebespuren. In dem Fall hätten wir einen weiteren Ansatzpunkt, der uns dem Täter näherbringt. Also, liebe Kolleginnen und Kollegen – bleiben wir dran. Der Fall hat viele Facetten, und noch ist nichts ausgeschlossen.“

  1. 3. Kapitel

Dienstag, 14. Februar 2023, 10:05 Uhr – Polizeipräsidium Mittelfranken, K 11, EG, Raum 07, großer Besprechungsraum

Es war kurz nach zehn, als sich Schorsch und die K 11er im großen Besprechungsraum versammelten. Professor Dr. Alois Nebel, intern nur „Doc Fog“ genannt, hatte sich nach der Brotzeit telefonisch bei Schorsch gemeldet. Das endgültige Obduktionsergebnis zur verstorbenen Ivette Gögel lag vor – eine erste Zäsur in einem bis dahin undurchsichtigen Fall. Die Ergebnisse sollten per Videokonferenz präsentiert werden.

Wenig später erschien das Gesicht des Rechtsmediziners auf dem großen Bildschirm. Mit gewohnt trockener Stimme begann er:

„Soderla, die Frau Gögel ist soweit fertig. Die Staatsanwaltschaft kann die Leiche freigeben.“

Er verlas routiniert die Personalien, danach folgten die medizinischen Basisdaten: Körpergewicht, Organmaße, Zustand der inneren Organe. Dann kam der entscheidende Teil:

„Die Todesursache ist eindeutig. Frau Gögel starb an massiver Gewalt, verursacht durch gezielte Schüsse aus einer Nagelpistole. Das verwendete Gerät stammt mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem industriellen Bereich, wie er im Bau-, Metall- oder Installationshandwerk gebräuchlich ist. Die dabei eingesetzten Stahlnägel können – je nach Einstellung – selbst Stahlträger durchdringen.“

Er schob seine Brille zurecht, blätterte um und fuhr fort:

„Die Geschädigte wurde am Auffindeort unterhalb der Brücke mit Nägeln durch die Handwurzelknochen – konkret durch die Ossa carpi – regelrecht auf dem Teerboden fixiert. Diese Fixierung war postmortal. Todesursächlich war sie nicht. Vorher jedoch wurde Frau Gögel vergewaltigt. Die Untersuchung des Genitalbereichs zeigt klare Anzeichen sexueller Gewalt. Im Anschluss daran wurde der Intimbereich des Opfers mit drei gezielten Schüssen verstümmelt – die Labien wurden durch Nägel förmlich verschlossen.“

Die Anwesenden im Besprechungsraum hielten den Atem an. Doc Fog sprach mit klinischer Nüchternheit weiter:

„Darüber hinaus wurde ein pentagrammähnliches Symbol auf der Stirn fixiert – ein silberfarbenes Fünfeck mit einem hellroten Ziegenkopf in der Mitte. Das Zeichen wurde mittels Nagelpistole auf der Regio frontalis angebracht. Der Nagel durchschlug dabei den Stirnlappen – den Lobus frontalis – des Gehirns.“

Er machte eine Pause, dann ergänzte er:

„Zwei weitere Schüsse trafen den Hals – präzise auf Höhe des ersten Halswirbels, dem Atlas. Diese Schüsse waren mit hoher Wahrscheinlichkeit todesursächlich. Die Kombination aus Frontal- und Zervikaltrauma führte zu einem sofortigen Funktionsausfall des Zentralnervensystems.“

Die letzten Worte brachte er mit Nachdruck vor:

„Zusätzlich wurden Spermaspuren gesichert. Die DNA liegt vor. Auch unter den Fingernägeln des Opfers fanden wir Erbmaterial des mutmaßlichen Täters. Der Abgleich mit der nationalen DNA-Analysedatei (DAD[2]) beim BKA steht noch aus.“

Schorsch atmete hörbar durch. „Gute Arbeit, Alois. Dann haben wir wenigstens einen biologischen Ansatz.“

Er blickte in die Runde. „Also ein sadistischer Psychopath. Ein Täter, der sexuelle Gewalt mit ritueller Symbolik verbindet. Das auf der Stirn fixierte Pentagramm – was will er damit sagen? Ausdruck seiner Wut? Ein persönliches Statement?“

Gunda meldete sich: „Was, wenn wir es mit jemandem zu tun haben, der in seiner Vergangenheit ein extrem traumatisches Erlebnis hatte – vielleicht religiös geprägt oder durch Missbrauch? Ein Täter, der seine Opfer mit Symbolen versieht, um ein eigenes Schicksal nach außen zu kehren? Das könnte sein Versuch sein, Kontrolle zurückzugewinnen.“

Schönbohm nickte langsam. „Ein interessanter Gedanke. Die Symbolik könnte auch als Signatur dienen – ein Erkennungszeichen. Vielleicht will er sich abgrenzen. Herausheben. Anders sein als andere Triebtäter.“

Er lehnte sich zurück.

„Das bedeutet aber auch: Wir haben es vermutlich nicht mit einem Einzelfall zu tun. Dieser Täter wird nicht aufhören. Das hier war nicht spontan – das war geplant. Und die Mordwaffe ist ungewöhnlich. Er hat sie bewusst gewählt – und wird sie wieder verwenden.“

Drei Monate später – Mai 2023

Der Wonnemonat zeigte sich von seiner schönsten Seite – das Team vom K 11 dagegen wirkte ernüchtert. Der Fall „Nagelpistolen-Mord“ war festgefahren. Sämtliche Verbindungsdaten, Gespräche, Zeugenbefragungen, Spuren – nichts führte weiter. Die Enttäuschung war greifbar.

Fest stand: Ivette Gögel hatte ihre BDSM-Vorlieben auch kommerziell angeboten. Auf mehreren Social-Media-Plattformen war sie unter Pseudonymen aktiv. Ihr Kundenstamm war durchmischt – vom Manager bis zum Müllwerker. Alle befragten Stammkunden, wechselnden Partner und bekannten Kontakte hatten ein Alibi. Auch die gesicherte DNA aus ihrer Wohnung brachte keinen Treffer in der DAD.

Immer wieder stand die gleiche, gefährliche Überlegung im Raum: Sollten sie – wie damals im Fall Hartdegen – erneut den verbotenen Weg gehen und aus der gesicherten DNA ein Phantombild erstellen lassen?
Ben Löb, Schorschs Jugendfreund und inzwischen Agent beim israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad, war der Einzige, der so etwas möglich machen konnte. Er war bestens vernetzt – nicht nur in den Schattenkanälen des Geheimdienstes, sondern auch in den Hinterzimmern der Wissenschaft. Über einen renommierten Molekularbiologen in Haifa hatte er es 2016 geschafft, im Fall des Callgirl-Serienmörders Martin Hartdegen ein Phantombild aus reiner Täter-DNA fertigen zu lassen – hochpräzise, illegal, ein Tabubruch. Ein Bild, das es in Deutschland gar nicht hätte geben dürfen, weil es gegen Datenschutzgesetze und die Strafprozessordnung verstieß.

Damals hatte Ben das Bild diskret an Schorsch weitergereicht – und der war das Risiko eingegangen. Er spielte es der Presse zu. Die Veröffentlichung schlug ein wie eine Bombe: Innerhalb weniger Stunden war das Gesicht überall – in den Nachrichten, auf den Titelseiten, im Netz. Der öffentliche Druck wuchs, bis Hartdegen schließlich identifiziert und festgenommen werden konnte.

Doch der Preis war hoch. Im Präsidium brodelte es, die Internen Ermittlungen stürzten sich wie Aasgeier auf den Fall. Tagelang durchforsteten sie Akten, suchten nach Beweisen für ein Fehlverhalten. Nur durch Zufall – und vielleicht auch, weil manche Kollegen insgeheim froh waren über den Fahndungserfolg – blieb Schorsch damals eine offizielle Disziplinarmaßnahme erspart. Aber die Episode hatte sich eingebrannt: ein Tanz am Abgrund, der jederzeit alles hätte zerstören können.

Und genau darin lag das Problem. Jeder wusste, dass das Phantombild von damals illegal entstanden war. Die dienstrechtlichen Untersuchungen hatten 2016 unmissverständlich klargemacht, dass die DNA-Phänotypisierung ein eklatanter Verstoß gegen Recht und Datenschutz war. Die Empörung über diesen Datenmissbrauch erschütterte nicht nur das K 11 – selbst die Staatsanwaltschaft geriet massiv unter Druck.

Sollten sie also denselben Weg noch einmal gehen?

Schorsch schüttelte langsam den Kopf. „Wir wissen, dass es funktionieren kann. Aber wenn das rauskommt, sind wir geliefert.“

Allen war klar, was er meinte. Ein erneuter Regelverstoß könnte Disziplinarverfahren nach sich ziehen – nicht nur für den, der es ausführte, sondern für das gesamte Team. Und schlimmer noch: Das Vertrauen der Öffentlichkeit in Polizei, Justiz und das Verfahren selbst könnte in Trümmern enden.

Also hielten sie den Ball flach. Vorerst.

Doch das flaue Gefühl blieb.

Denn eines wussten alle im Raum: Der Täter war noch da draußen. Und er würde wieder zuschlagen.

                    

  1. 4. Kapitel
    Samstag, 19. August 2023, 07:00 Uhr, Redaktion Nürnberger Express

Der Fasching war längst vorbei. In knapp drei Monaten würde das bunte Treiben wieder beginnen, wenn sich die Närrinnen und Narren in den deutschen Karnevalshochburgen auf die Straßen stürzten – und sich so manche verkleidete Ordensschwester ihr passendes Gegenüber suchte. Genau wie an jenem Samstag, dem 11. Februar 2023, auf der Mississippi Queen.
An diesem Abend war sie ihm erschienen – seine Peinigerin Dorothea. Im Körper von Ivette. Es war sein erster Versuch gewesen. Nicht der Letzte.

Bis heute fehlte jede Spur zum Täter. Kein Hinweis, kein Motiv, keine brauchbare Zeugenbeschreibung. Die Ermittlungen steckten fest.

Die Sommerflaute war allgegenwärtig, auch im Nachrichtenbetrieb. Der Nürnberger Express – allen voran der selbst ernannte Star-Kriminalreporter Rolf Müller – nutzte das Loch, um am Samstagmorgen nachzulegen. In seiner neuesten Titelstory präsentierte er erneut eine wilde Mischung aus Vermutung, Halbwissen und Sensationslust:

„In bestialischer Weise hinterließ ein Fürst der Finsternis sein teuflisches, ja mörderisches Symbol am Nürnberger Hafen. Ein Einzelfall? Die Nürnberger Mordkommission tappt auch sechs Monate später weiterhin im Dunkeln.“
                                             
Exklusivbericht von Polizeireporter Rolf Müller

Müller machte keinen Hehl daraus, dass die Ermittlungen im Mordfall Ivette Gögel zum Erliegen gekommen waren. Da ihm keinerlei offizielle Informationen zum Stand der Ermittlungen vorlagen, griff er wie gewohnt auf sein Netzwerk aus Informanten zurück – und davon hatte Müller viele. Es war sein tägliches Geschäft, Beziehungen zu pflegen und gelegentlich zu schmieren.

Über eine seiner Quellen – mutmaßlich aus dem Umfeld der Rechtsmedizin – hatte Müller in Erfahrung gebracht, wer am frühen Morgen des 12. Februar 2023 die Leiche des Opfers in die Gerichtsmedizin gebracht hatte. Nur kurze Zeit später sickerte durch, was offiziell noch unter Verschluss gehalten wurde.

Nicht über die damaligen Bestatter, aber über Umwege erfuhr Müller, dass das Opfer vermutlich mit einem Bolzenschussapparat oder einer ähnlichen Waffe getötet worden war. Auch von dem Symbol, das der Täter dem Opfer auf die Stirn genagelt hatte, wusste er.

Jetzt gab Müller seinen Fantasien freien Lauf.

Er spekulierte darüber, ob das auffällige Symbol am Tatort auf einen Zusammenhang mit Teufelsanbetung hindeute. Ob der Täter womöglich vom christlichen Glauben abgefallen sei, die Seiten gewechselt habe – zum Satan – und mit dem Pentagramm auf der Stirn seines Opfers einen okkulten Pfad beschritten habe. Den Pfad des Antichristen.

Ein Weg, so Müller, der geprägt sei von satanischer Weisheit und der bewussten Abkehr von der Wahrheit, wie sie in der Offenbarung der Heiligen Schrift zu finden ist.

Stattdessen, so der Polizeireporter weiter, folge der Täter nun einem anderen Werk: einem, das den Geist des Bösen offenbare und zugleich vehement leugne, dass Jesus der Messias sei.

Ein Werk, das aus tiefster Faszination für das Okkulte das christliche Glaubensgut in seiner Gesamtheit ablehne – und in dem die Worte Satans selbst niedergeschrieben seien: die Biblia Satanae.

Der Täter, so Müller, habe dieses Buch zu seiner geistigen Heimat gemacht. Es diene ihm als Leitfaden. Als Glaubensbekenntnis. Und als Handlungsanweisung.

Weiterhin schrieb Müller in seinem Artikel:

„Darin suche und finde der Satan in Menschengestalt das Böse, bewundere und vergöttere es – und finde so seinen Weg. Seinen eigenen, abgründigen Weg. Einen Weg, auf dem er seine krankhaften und abscheulichen Perversionen an seinen Opfern ausleben kann.“

Aber Müller wäre nicht der rasende Rolf, wenn er es bei dieser einen Theorie belassen hätte.

Er warf eine zweite These in den Raum – eine, die ebenso reißerisch wie spekulativ war. Er fragte seine Leser, ob es sich bei dem Täter von Ivette Gögel womöglich um einen Psychopathen handle.
Einen Mann, der in seiner Kindheit Schreckliches erlebt habe und seither in einer mörderischen Scheinwelt lebe.
Einer, der von wiederkehrenden, reizüberfluteten Gefühlen übermannt werde.
Der unablässig mit seinen nicht verarbeiteten Traumata konfrontiert sei – und dessen Handeln dadurch in Gang gesetzt werde.

Diese sogenannten „Trigger-Momente“, so Müller weiter, steuerten das abscheuliche Verhalten des Täters.
Sie führten dazu, dass er seine Mordgelüste unter Zuhilfenahme eines besonderen Symbols – eines sogenannten Kainsmals – auslebe.

Ein Zeichen der Schuld, das er bei seinen Opfern zurücklasse.
Symbolisch.
Wie eine Signatur.
Ein Versuch, seine Taten vor sich selbst zu rechtfertigen.

Und Müllers Schlagzeile funktionierte einmal mehr.

Sein Kalkül, die fränkische Leserschaft mit seinen Theorien und Spekulationen in das Verbrechen hineinzuziehen, ging auf.
Er ließ sie teilhaben – nicht nur an den Fakten, sondern an der Fantasie.

An der Vorstellung, wie ein Mensch wie Ivette Gögel getötet worden sein könnte.
An der Frage, was einen solchen Täter antreibe.
Und an der dunklen, voyeuristischen Lust, in all dem Grauen die eigene Vorstellungskraft kreisen zu lassen – und vielleicht sogar eigene Mordfantasien darin zu spiegeln.

Die Verkaufszahlen des Nürnberger Express schnellten an diesem Wochenende in die Höhe.

16:47 Uhr, Kloster St. Josef, Wildbad 1, 92318 Neumarkt i.d.OPf.

Es war kurz vor siebzehn Uhr, als er in einer der vorderen Reihen der Klosterkirche Platz nahm. In wenigen Minuten würde, wie jeden Samstag, die Vesper beginnen. Der Rhythmus der Glockenschläge, der Geruch von kaltem Stein und Weihrauch – all das legte sich wie eiserne Klammern um seine Brust.

Er war nicht zum ersten Mal hier. Seit Jahren zog es ihn immer wieder an jene Orte, an denen die „Schwestern vom Göttlichen Erlöser“ wirkten. Orte, die ihn auf unheimliche Weise anzogen – magisch, ja teuflisch. Es waren die Plätze seines frühen Leids, Schauplätze innerer Zerrissenheit, gebrochener Seelen, Orte der Verzweiflung. Und Orte, an denen das Böse einen unauslöschlichen Fleck in seinem Leben hinterlassen hatte.

Nicht vor dem Altar, nicht auf den Kirchenbänken. Sondern hinter verschlossenen Türen.
In den engen, düsteren Schlafzellen der Nonnen.

Dort, wo kein Gebet half.
Dort, wo sie ihn zu sich gerufen hatte – Oberin Dorothea.

Die harte Hand auf seiner Schulter, das kalte Wispern, die aufgezwungene Nähe.
Sie hatte ihn gezwungen, Gott zu verraten.
Sie war der erste Schritt hin zur Umkehrung seines Glaubens – weg von der Anbetung des Herrn, hin zur Verehrung des Gegners.

Aus dem frommen Klosterschüler war im Laufe der Jahre ein Mann geworden, gezeichnet von Narben, voller Erinnerungen, die so dämonisch waren, dass er sie längst nicht mehr bändigen konnte.

Langsam öffnete er seine abgewetzte Sling Bag aus Leder. Bedächtig zog er ein kleines, altmodisches Büchlein hervor. Vergilbte Seiten, beschrieben mit Symbolen und Notizen. Kein Evangelium. Sondern sein eigenes dunkles Evangelium.
Seine Bibel der Finsternis.

Er legte sie neben das Gesangbuch, als sei sie ein heiliger Schatz. In Wahrheit war sie das Gegenstück – ein Spiegel aus Hass, Rache und Blasphemie.

Und dann sah er sie.
In einer der vorderen Reihen.

Die Frau, die ihn gebrochen hatte.
Oberin Dorothea Kerschenbach.

Sie hatte die Siebzig schon erreicht. Der Rücken leicht gekrümmt, die Hände knochig, die Bewegungen bedächtig. Doch trotz der tiefen Falten lag in ihrem Gesicht noch immer dieselbe Strenge. Diese Härte, die er schon als Kind fürchtete, hatten selbst die Jahre nicht auslöschen können.

Plötzlich räusperte sie sich. Trocken, kratzig. Ein Laut, der durch die Stille der Kirche schnitt. Für die anderen unbedeutend – für ihn das Signal.
Genau dieses Geräusch hatte er damals in den Nächten gehört. Kurz bevor die Kerze erlosch. Kurz bevor das Grauen, der sexuelle Missbrauch, begann.

Sein Atem stockte. Ein schwerer Druck legte sich auf die Brust, die Finger krampften sich um die Tasche, bis die Knöchel weiß hervortraten. Für einen Augenblick schien die Welt selbst den Atem anzuhalten. Geräusche verschwammen, Stimmen zerflossen im Nichts. Nur sein Herzschlag blieb, dumpf dröhnend in den Schläfen. Und für ihn verstummte sogar die Orgel.

Ein Gedanke, scharf wie ein Dolch, schnitt in sein Bewusstsein:
Heute wird die Bibel der Finsternis ein neues Kapitel schreiben.

Die Vesper verklang. Die alte Frau erhob sich, verließ die Kirche. Er folgte ihr, lautlos.

Langsam schritt sie durch den weitläufigen Park, die Hände gefaltet, den Blick gesenkt, als suche sie Frieden. Doch er wusste: Für sie wird es keinen Frieden mehr geben.

Jede Bewegung sog er in sich auf: die gebeugten Schultern, die müden Schritte, den Klang ihrer Stimme beim Gebet. All das brannte sich wie eine glühende Klinge in sein Gedächtnis.

Schließlich ließ sie sich auf einer halb von Efeu umrankten Bank nieder. Schloss die Augen, hob das Gesicht in die Abendsonne. Der Ruf eines Kuckucks hallte über das Gelände, träge, spöttisch, als wolle er den Augenblick hinauszögern.

Sie ahnte nichts. Kein Atemzug verriet ihr die Gefahr.
Doch er war schon da.
Hinter ihr.
So nah, dass er ihren leisen Atem hörte.

„Guten Abend, Schwester Dorothea“, sagte er.

Seine Stimme war ruhig, beinahe sanft – und doch triefte sie vor Ironie.

Er trat näher, beugte sich leicht zu ihr hinunter.

„Mich hat der Beelzebub geschickt“, flüsterte er.

Sie fuhr zusammen, griff sich an die Brust. Als sie ihn erkannte, entwich ihr ein nervöses Lachen.
„Mensch, Anselm! Du hast mich jetzt aber… erschreckt!“

Aber ihre Augen verrieten sie. Ein Flimmern, ein Aufflackern – war es Angst? Erkenntnis? Er sah es. Genau das hatte er erwartet.

„Es hat lange gedauert“, flüsterte er. „Aber deine Schuld hat dich eingeholt. Heute ist der Tag. Heute holt dich der Satan selbst.“

Metall blitzte im letzten Sonnenlicht. Er riss die Nagelpistole hervor, presste sie an ihre Stirn – und drückte ab.

Das Krachen zerriss die Stille. Vögel flatterten auf. Kein Mensch kam.

Dorothea sackte nach vorne, der Kopf schwer, ein dünner Blutstrom rann über ihre Stirn.

Doch er war nicht fertig. Noch nicht.

Zwei weitere Schüsse in den Hinterkopf. Sauber. Präzise. Unbarmherzig.
Dann fixierte er ihre Hände an die Bank – ein grausames Kreuzigungsritual.

Er zog das silberne Pentagramm hervor. Positionierte es auf ihrer Stirn. Nagelte es fest.
Seine Signatur.

Noch immer nicht genug. Er hob den Saum ihres Gewandes, setzte die Pistole an – zwei Schüsse in die Scham. Fleisch, Stoff, Holz. Blutgeruch im Abendwind.

Feierlich nahm er ihr das silberne Kreuz vom Hals, ließ es durch die Finger gleiten, bevor er es einsteckte. Ein letztes Mal sah er auf das Opfer.

Dann murmelte er ein Gebet. Nicht an Gott. An Satan. Ein Dank. Sein Werk war vollbracht.

Er wandte sich ab, griff nach der Tasche. Doch da – ein Zucken in seinem Blickfeld.
War da nicht ein Schatten? Ein Knacken im Gebüsch?
War er wirklich allein?

Sein Herz schlug schneller. Die Finger schlossen sich fester um den Riemen der Tasche.

Er beschleunigte den Schritt, passierte das Torhaus, erreichte den Wagen.
Noch glaubte er, sicher zu sein.
Noch glaubte er, niemand habe ihn gesehen.

Doch tief in seinem Inneren nagte ein Verdacht:
Vielleicht war dieser Mord nicht unbemerkt geblieben.

Ohne Eile verließ er den Tatort und erreichte kurz darauf seinen abgestellten Wagen in der nahe gelegenen Badstraße.

Wenige Minuten später fuhr er auf der Staatsstraße 2240 aus Neumarkt hinaus – in Richtung Frankenland.

Niemand hatte ihn gesehen.
Niemand würde ihn aufhalten. Noch nicht.

  1. Kapitel
    Montag, 21. August 2023, 07:05 Uhr, Polizeipräsidium Mittelfranken, K 11

Schorsch und Horst hatten sich bereits den zweiten Humpen Kaffee gegönnt und blätterten gerade durch die neueste Schlagzeile des rasenden Rolfs, als Gunda das Büro betrat.

„Guten Morgen zusammen“, rief sie, während sie ihre Tasche abstellte. „Ich hoffe, ihr hattet ein schönes Wochenende. Dieser Schmierfink von Müller hatte wohl wieder Langeweile – oder sind das inzwischen die Vorgaben seiner Redaktion, im Sommerloch mit reißerischem Quatsch aufzutrumpfen und den allwissenden Polizeireporter zu mimen?“

Schorsch grinste und erwiderte:
„Dir auch einen guten Start in die Woche, Gunda. Das Wochenende ging rum wie nix. Wir haben uns in der Freitagnacht beim Ansitz auf Schwarzwild rumgetrieben – und Rosanne war um 0:55 Uhr erfolgreich. Ein Keiler mit 68 Kilo lag im Knall. Wir sind erst gegen drei ins Bett gekommen.“

„Oha, Respekt!“, warf Gunda ein. „Und der Rest vom Wochenende?“

„Der Samstag war eher ruhig. Und gestern haben wir mal wieder einen kulinarischen Geheimtipp ausprobiert.“

Gunda spitzte die Ohren.
„Na da bin ich etzertla gespannt. Erzähl!“

„Rosanne steht doch total auf Schnitzel – aus der Pfanne, wie’s sich gehört. Und da gibt’s einen Landgasthof in der Oberpfalz, bei dem Genussmenschen echt an ihre Grenzen kommen. Dort bekommst du für dein Geld noch richtig was auf den Teller. Die Schnitzel in Berngau sind überdimensioniert – ehrlich, nicht zu schaffen!“

Horst schüttelte lachend den Kopf.
Etzertla hör fei auf, des glaub ich net!“

„Doch, wirklich!“, beharrte Schorsch. „Ein echter Cordon-bleu-Tipp. Und die sonntäglichen Schäuferla – aber nur auf Vorbestellung – sind der absolute Hammer. Musst du drei Wochen vorher reservieren, sonst kriegst du keinen Platz.“

„Okay, überzeugt“, sagte Gunda schmunzelnd. „Aber jetzt mal zu Müller. Was denkt ihr – woher nimmt der solche Thesen?“

Schorsch schnaubte.
„Ja, der Müller hat’s mal wieder richtig krachen lassen. Seine Schlagzeile ist bewusst so gestrickt, dass sie den Umsatz seines reißerischen Käseblatts in die Höhe treibt. Ich frag mich nur: Entweder hat der einen Berater aus der psychologischen oder theologischen Ecke, der ihm den ganzen Kram souffliert, oder der hat die Weisheit tatsächlich mit dem Löffel gefressen. Was meint ihr?“

Gunda lehnte sich zurück, verschränkte die Arme.

„Der hat das schon clever gemacht. Zum einen führt er seine Leser zu einem Psychopathen, der in seiner Kindheit ein schweres Trauma erlebt hat – und das er nie verarbeitet hat. Ergebnis: Der Typ wird zur Bestie, gesteuert von inneren Dämonen. Zum anderen schlägt er eine zweite Spur ein – die vom abtrünnigen Christen, der die Seiten wechselt, vom Glauben abfällt und fortan vom Bösen gelenkt wird.“

Sie hielt kurz inne, dann fuhr sie fort:
„So einer wie unsere alten Teufelsanbeter – erinnerst du dich? Die, die sich bewusst vom christlichen Glauben abgewendet haben. Und dann dieser Satz von Müller: Dass dieser Täter angeblich die Biblia Satanae zur Lebensgrundlage macht, das Böse verehrt, es zu seiner Passion erklärt … Der spielt mit genau diesen Ängsten und Fantasien.“

„Und ich habe am Wochenende mal ein bisschen recherchiert und mir ein paar Notizen gemacht“, sagte Gunda und öffnete eine schlichte Umlaufmappe, aus der mehrere eng beschriebene Seiten hervorblitzten. „Diese Satansbibel gibt es tatsächlich.“

Sie räusperte sich kurz, dann fuhr sie fort:
„Der US-Amerikaner Anton Szandor LaVey – Gründer und Hohepriester der sogenannten Church of Satan[3] – hat die Satanische Bibel 1969 veröffentlicht. Darin beschreibt er eine eigene Lehre, die er als Religion ausgibt, obwohl sie nach eigener Aussage hauptsächlich auf der Philosophie von Ayn Rand basiert – genauer gesagt auf ihrem Objektivismus. LaVey hat dem Ganzen nur Rituale und Zeremonien hinzugefügt.“

Schorsch verzog das Gesicht. „Also Show mit Ideologieunterbau?“

Gunda nickte. „So in etwa. Viele halten seine Thesen für absurd, lebensfremd oder schlichtweg provokant. Andere wiederum haben seine schwarzen Messen in San Francisco regelrecht gefeiert. LaVey selbst bezeichnete sich offen als misogyn – also als frauenfeindlich – und legte damit die ideologische Basis für ein zutiefst patriarchales und autoritäres Weltbild innerhalb seiner Organisation.“

Sie blätterte um.
„In seiner gottlosen Bibel spricht LaVey vom Teufel als ‚Großem Drachen‘ oder ‚Alter Schlange‘ – biblisch angelehnt. Das Symbol steht für Torheit, Täuschung und den Betrug des Glaubens an den Gott Jahwe. Für LaVey verkörpert Satan die bewusste Abkehr von jedem theistischen, also gottgläubigen Denken.“

„Er vertritt eine rein satanische Weltanschauung und erklärt auch ganz offen, dass es sich um satanisches Gedankengut aus wahrhaft satanischer Sicht handelt“, betonte sie.
„Seine Leitsätze sind provokant und klar gegen jede christlich-humanistische Ethik gerichtet: Sinnesfreude statt Abstinenz, Lebenskraft statt Hirngespinste, Rache statt Vergebung.“

Horst schnaubte leise. „Klingt wie ein Handbuch für Egozentriker mit Rachekomplex.“

„Ganz genau“, bestätigte Gunda. „LaVey sieht den Menschen als das bösartigste aller Tiere – ein Wesen, das sich angeblich durch Spiritualität und Intellekt nur negativ weiterentwickelt habe. Seine Abneigung gegen das Christentum und das Judentum zieht sich durch das gesamte Werk.“

Sie legte eine weitere Seite vor sich.
„Die Biblia Satanae ist inhaltlich in mehrere sogenannte ‚Bücher‘ unterteilt. Das eben Gesagte stammt aus dem Buch Satan. Im Buch Luzifer stellt LaVey seine Sicht auf den Satanismus als Philosophie vor – da heißt es, dass jeder Mensch sein eigener Gott sein solle. Das Ganze ist geprägt von Themen wie Liebe, Hass, Sexualität und einem besonders kruden Konzept, das er ‚psychische Vampire‘ nennt – also Menschen, die angeblich Energie oder Lebensfreude von anderen absaugen.“

„Und dann ist da noch das Buch Belial“, fuhr sie fort, „in dem LaVey die satanische Magie als Mittel zur Herrschaft über die Welt beschreibt. Auch das ist natürlich komplett losgelöst von irgendeiner wissenschaftlich-rationalen Grundlage, aber es hat Wirkung – vor allem auf labile, wütende oder ideologisch aufgeladene Personen.“

Schorsch rieb sich den Bart.
„Wenn der Täter tatsächlich nach so einem Weltbild lebt, erklärt das zumindest einiges – vor allem die Symbolik, das Ritualhafte, diese theatralische Brutalität. Der will nicht nur töten. Der will eine Botschaft hinterlassen. Eine, die jedem gläubigen Menschen die Kehle zuschnürt.“

Gunda nickte. „Genau das ist der Punkt. Wer auch immer dahintersteckt – der sieht sich nicht als Mörder, sondern als Vollstrecker einer satanischen Mission. Und genau das macht ihn so gefährlich.“

„Schlussendlich“, fuhr Gunda fort, „bekräftigt LaVey in seinem letzten Abschnitt – dem Buch Leviathan – seine Instruktionen für satanische Rituale. Darin enthalten sind spezielle Gebete, verfasst in sogenannter henochischer Sprache. Eine magische, eigens verschlüsselte Lesart, die im 16. Jahrhundert vom englischen Alchemisten John Dee in Trance empfangen und verwendet worden sein soll.“

Sie sah in die Runde.

„Meint ihr ernsthaft, es gibt wirklich solche fanatischen Typen? Die sich mit LaVey und seinen Abhandlungen identifizieren? Die ihre Mordlust als religiösen Akt begreifen – ohne jede Spur von Schuld – oder Rechtsempfinden?“

Schorsch und Horst hatten Gundas Vortrag aufmerksam verfolgt.

Schorsch antwortete als Erster, seine Stimme klang gedämpft, fast düster:
„Dass es diese Teufelsanbeter gibt, das wissen wir. Und dass sie nicht gerade zimperlich sind, haben wir am schaurigen Beispiel unseres Verdeckten – Gott hab ihn selig – Bram van Veen[4] erfahren müssen.“

Er machte eine kurze Pause.

„Die haben ihn gefoltert, ihm die Zähne gezogen, das Herz entnommen und die Zunge herausgeschnitten. Wer tut sowas, Gunda?“

Er sah sie ernst an.

„Diese Satanisten spielen in einer ganz eigenen Liga. Die leben ihre abartigen Rituale aus – das ist nicht zu vergleichen mit einem Mörder, der ‚nur‘ töten will, um sein Ziel zu erreichen. Im Fall von Ivette Gögel war das kein Raubmord, kein Eifersuchtsdrama. Das war ein Ritualmord. Und der hatte einen Zweck – eine Funktion für den Täter.“

          [1] EASy= Analyseplattform / Fallbearbeitungssystem der Bayerischen Polizei

         [2] https://de.wikipedia.org/wiki/DNA-Analysedatei

         [3] https://de.wikipedia.org/wiki/Satanische_Bibel

         [4] Band III der Schorsch Bachmeyer Krimi-Reihe „ Mortificantur und der 13. Apostel“