Dadord in Frangn

Band IV – Leseprobe

1.Prolog

Dienstag, 21.05.1996, 19.55 Uhr,

Rochus Kapelle, Gebetsraum III,

Karl-Rahner-Platz, A-6020 Innsbruck

Sie knieten andächtig nebeneinander vor dem Kreuz Christi.

  Der Blick des älteren Priesters war stoisch auf die Mutter Gottes gerichtet, die links vom Kreuz in einer holzgeschnitzten Madonna dargestellt war.

  »Und was machen wir, Bruder, wenn uns doch einmal die Fleischeslust überkommen sollte?«, flüsterte er seinem Nebenmann zu. »Wir sind von Gott berufen, wir haben diesen Weg und damit die Verpflichtung zur Ehelosigkeit gewählt und nun unsere Priesterweihe empfangen.«

  Der jüngere Priester wandte sein Antlitz von der Madonna ab und sah ihn aus funkelnden Augen an.

  »Wohl wahr, mein Bruder«, erwiderte er leise, »die Jahre unseres Studiums haben uns reifen lassen. Wir werden künftig geistlich leben, theologisch arbeiten und Gott und den Menschen in Demut und Gehorsam dienen. Und wenn uns irgendwann das Verlangen überkommen sollte, so werden wir das Zölibat nicht brechen, sondern unsere Lust auf unsere Art befriedigen. Denn niemand, mein Bruder, soll uns den steinigen Weg zum Generalvikar und die Folgen einer Suspension aufbürden. Niemand. Und wenn es irgendwann einmal so kommen sollte, dann lass uns diese Tat vor Gott entschuldigen. ›Wenn nämlich die Menschen von den Toten auferstehen, werden sie nicht mehr heiraten, sondern sie werden sein wie die Engel im Himmel.Markus 12, 25.«   

  Die Priester sahen sich an und reichten sich die mit einem Rosenkranz umwickelte rechte Hand.

  »Denn wie im 4. Buch Mose, Kapitel 33, Vers 55 geschrieben steht, mein Bruder: ›Werdet ihr aber die Einwohner des Landes nicht vertreiben vor eurem Angesicht, so werden euch die, so ihr überbleiben laßt, zu Dornen werden in euren Augen‹«, sagte der Ältere der beiden leise. »Diese Geißel, das Abverlangen der Schmerzen, mein Bruder, sollte uns wieder auf den rechten Weg führen.«

  »Ja, so soll es sein, dieses Gelübde soll uns für immer vereinen — in guten wie in schweren Zeiten«, erwiderte der jüngere Priester.        

  Sie bekreuzigten sich und verließen den abgelegenen Teil der Kapelle.

 

1.Kapitel

Freitag, 13. November 2015, 18.42 Uhr

Internetcafé Bayreuther Straße, 90409 Nürnberg

Da war es wieder, dieses Verlangen nach sexueller Befriedigung. Seine Lust, seine Gier, sie in seinen Besitz zu nehmen, sie zu steuern, dabei ihre Unterwürfigkeit bis zur letzten, ihrer letzten Sekunde auszukosten, war allgegenwärtig. Ihr all das Leid, all die Schmach zuzufügen, die ihn so sehr in seiner Kindheit verletzt hatte, danach strebte er.

  Er registrierte die ansteigende Erektion. Seine Wut verursachte ein unaufhaltsames Pochen in seinen Schläfen.  

  Mit zitternder Hand öffnete er den Browser, gab die Webadresse www.call-an-escort.de ein, wählte die Region Bayern, Neumarkt, aus und scrollte auf »Escort Ladies«. Das Fenster öffnete sich.

  Die Auswahl an Begleitdamen jeden Alters war beachtlich. Die Frauen zeigten sich dem Betrachter in ausgewählten Dessous, ihre Körper waren makellos. Offensichtlich verstand der Fotograf sein Handwerk, diese Edelhuren verlockend in Szene zu setzen. Lediglich ihre Augenpartie war verpixelt.

  Er merkte, wie sich ein leichter Schweißfilm zwischen der Innenfläche seiner Hand und der Computermaus bildete. Seine Atmung wurde tiefer, sein Brustkorb hob und senkte sich schneller, um die Luft seiner Lungen in kürzeren Intervallen auszustoßen. Er musste seine Erregung unter Kontrolle bringen, um nicht aufzufallen.

  Er blickte über die Trennwand, die die einzelnen Arbeitsplätze des Internetcafés voneinander abgrenzte, und beobachtete sein Umfeld. Seine Augenlider begannen dabei, leicht zu zittern.

  Ein paar Reihen vor ihm beschäftigten sich drei Jugendliche mit einem Ballerspiel. Sie hatten das Headset angelegt und waren mitten im Spielgeschehen. Von ihnen ging keine Gefahr aus. Ansonsten war das Café leer.

  Sein Blick wanderte wieder abwärts zu seinem Bildschirm. Er klickte sich durch die Auswahl an Frauen. Nach kurzer Zeit hatte er sie gefunden.        

  »Stella«, hauchte er. Das sollte sie sein.

  Er betrachtete ihr Profil.

  »Stella Backhaus, Alter Ende 20, Größe 168 cm, Gewicht 53 kg, Maße 90B-64-90, Augen grün, Haare brünett.«

  Sein Lidschlag wurde heftiger. Angespannt öffnete er die Seite, die über Stellas »Vorlieben« Auskunft gab.

  »Die warmherzige Stella wird dich nicht nur mit ihrer wundervollen Oberweite entzücken. Ihre einfühlsame und zuvorkommende Art lässt deine Träume Wirklichkeit werden. Stella ist aufgeschlossen, unkompliziert und für jedes erotische Abenteuer zu haben.    

  Stellas spezielle Vorlieben erstrecken sich auf:

  • Verbalerotik, gern im Duo
  • Erotische Massage auf die natürliche französische Art
  • Softsklavin mit verbaler Erniedrigung
  • Bizarr mit Wachsbehandlung
  • Deep Throat
  • Rollenspiele mit Zungenküssen
  • Spanische Erotik mit extravaganten Dessous
  • Erotisches Spielzeug

Stellas Vorlieben schließen ebenso mit ein:

  • Handicap-Personen
  • Frivoles Ausgehen
  • Bisexualität im Duo, gern auch mit zwei Männern
  • Die griechische Variante
  • Pärchen-Besuche, gern auch im Swinger-/Pärchenklub

Treffpunkt bei dir, im Hotel oder an einem sonstigen geheimnisvollen Ort, aber auch bei Stella nach Vereinbarung.«

Seine Erregung war unter Kontrolle. Er hatte gefunden, was er wollte. Ihrem Profil nach war Stella ein Volltreffer. Sie erfüllte genau das, wonach er seit Langem suchte. Für diese Frau wollte er sich genüsslich Zeit nehmen.

  Der Honorarseite entnahm er, welchen Preis er für Stella zu bezahlen hatte. Für das, was er mit ihr vorhatte, waren neunhundert Euro ausreichend — es sollten vier Stunden werden, die er niemals vergessen würde.

  Über die Zahlungsmodalitäten hatte er sich bereits vor Wochen informiert und seine Vorgehensweise sorgfältig geplant. Alle notwendigen Vorbereitungen inklusive einer erfolgreichen Testüberweisung waren reibungslos verlaufen. So war sichergestellt, dass er unentdeckt in der Frankenmetropole agieren konnte.   

  Er würde einen Überweisungsträger von Robert Maiwald, einem Rentner aus Pfeifferhütte, der seine GEZ-Gebühren quartalsweise beglich, verwenden, den er aus dem Papierkorb eines Geldinstituts in Burgthann gefischt hatte. Es handelte sich um ein fehlerhaft ausgefülltes Formular, das der Kontoinhaber unachtsam entsorgt hatte. Mit Maiwalds Kontodaten würde er Stella buchen. Bis es dem Rentner auffiel, dass jemand seine Daten missbraucht hatte, sollte das Mädchen längst nicht mehr am Leben sein.

  Er griff zum Headset, öffnete das Skype-Fenster, sperrte die Kamerafunktion, um nicht gesehen werden zu können, und gab die angegebene Mobilfunknummer von Call-an-Escort ein. Dann drückte er die Wählfunktion und wartete.

  »Call-an-Escort, Sie sprechen mit Miriam«, ertönte es am anderen Ende der Leitung.

 »Guten Tag, Maiwald, ich bin auf Ihrer Seite auf Stella Backhaus aufmerksam geworden und möchte das Mädchen für eine Nacht entführen. Wäre das am nächsten Wochenende möglich?«, fragte er betont freundlich. »Ich bin vom 20. bis 22. November in Nürnberg. Daher würde ich gern einen Abend ab neunzehn Uhr mit Stella verbringen. Sagen wir, bis dreiundzwanzig Uhr, vielleicht aber auch eine Stunde länger.«

  »Einen kleinen Moment, da muss ich kurz nachsehen«, sagte Miriam.

  Er hörte, wie seine Gesprächspartnerin im Hintergrund die Tastatur betätigte.

  »Freitag und Samstag wären okay«, sagte sie kurze Zeit später. »Am Sonntag leider nicht, da ist Stella schon gebucht.«

  »Gut, darf ich Klartext mit Ihnen reden?«

  »Gern, wir sind für alles offen«, erwiderte Miriam.

  »Ich bin in der Politik tätig und setze absolute Diskretion voraus, um eine Ihrer Damen treffen zu können. Deshalb erscheint in Ihrem Display auch nicht meine richtige Telefonnummer. Ihre Zahlungskonditionen zur Buchung habe ich gelesen. Ich bitte Sie, meine Kontodaten nicht in Ihren Buchungsunterlagen abzuspeichern. Es wäre fatal für mich, wenn ein politischer Gegner auf irgendeine noch so dumme Weise auf mich stoßen sollte, sei es bei einer Buch- oder Steuerprüfung Ihres Unternehmens oder durch jedwedes Verplappern. Diskretion ist außerordentlich wichtig für mich.«

  »Herr Maiwald, Diskretion ist bei uns Ehrensache«, versicherte ihm Miriam Scheitel. »Ihre gesamte Buchung wird selbstverständlich vertraulich behandelt.«

  »Gut«, sagte er. »Ich gebe Ihnen eine E-Mail-Adresse, an die Sie mir nach Zahlungseingang Stellas Kontaktdaten zusenden können, und ein Kennwort.«

  »Gern, ich bin schreibbereit«, sagte Miriam.

  »Meine E-Mail-Adresse lautet: Mitternachtsspitzen@gmx.de, Kennwort: Mitternachtsspitzen.«

  »Habe ich mir notiert, Herr Maiwald«, sagte Miriam. Ihrer Stimme war anzuhören, dass sie ihre Belustigung ob der Auswahl des Kennworts nur schwer verbergen konnte. »Steht der konkrete Buchungstermin nun fest?«

  Er überlegte kurz. »Samstag, den 21. November um zwanzig Uhr«, sagte er schließlich. »Den genauen Treffpunkt gebe ich noch durch — und sollte sich etwas ändern, melde ich mich bei Ihnen beziehungsweise direkt bei Stella, wenn Sie meine Buchung bestätigen sollten. Wäre das okay?«

  »Sobald der Zahlungseingang erfolgt ist, erhalten Sie eine Nachricht von uns«, sagte Miriam.

  »Bestens. Sollte ich sonst noch etwas wissen?«, fragte er. »Sie verstehen, Diskretion, Vertra…«

  »Nein«, unterbrach ihn Miriam. »Ich kann Ihre Nervosität sehr gut verstehen, aber machen Sie sich bitte keine weiteren Gedanken. Sie hören von uns, Herr Maiwald.«

  »Na dann, besten Dank.«

  Er beendete das Telefonat, nahm das Headset vom Kopf, legte es neben seiner Computertastatur ab und korrigierte den Sitz seiner Sonnenbrille. Zufrieden blickte er auf die drei Jugendlichen, die immer noch in ihr Computerspiel vertieft waren und nichts von seinem mörderischen Vorhaben mitbekommen hatten.

  Entschlossen stand er auf, zog sein Basecap tief ins Gesicht und verließ das Café.

2.Kapitel

Freitag, 20. November 2015, 10.55 Uhr

irgendwo in Franken

Er saß vor seinem PC und öffnete den Posteingang, an dessen Icon ein blinkendes Signal den Eingang einer neuen E-Mail signalisierte. Es war eine Nachricht an seinen Account »Mitternachtsspitzen«.

  Erst am Morgen zuvor hatte er den Überweisungsträger von Robert Maiwald in den Auftragskasten der Raiffeisenbank in Burgthann eingeworfen. Nun erhielt er bereits die angeforderte Eingangsbestätigung des Zahlungsbetrages. Gespannt las er die E-Mail.

»Guten Tag, ›Mitternachtsspitzen‹, wir bestätigen den Zahlungseingang und den Termin mit Stella Backhaus. Sie freut sich riesig, den Samstagabend mit Ihnen verbringen zu dürfen. Bitte kontaktieren Sie Stella zwecks Terminabsprache und Treffpunktvereinbarung gern persönlich, denn sie kann es kaum erwarten, von Ihnen zu hören. Ihre Mobilfunknummer lautet: 015xx7x5777.

  Wir freuen uns, Ihren Wünschen gerecht zu werden. Wie Sie Stellas Profil entnehmen konnten, wird Ihnen kein Wunsch verwehrt bleiben. Stella ist offen und neugierig für allerlei Neues.

  Wenn Sie mit der Buchung über Call-an-Escort zufrieden sind, bitten wir Sie, uns weiterzuempfehlen. Außerdem möchten wir Sie mit einem kleinen Bonus überraschen: Bei einer erneuten Buchung über unsere Agentur werden Sie künftig als Stammgast geführt. Dadurch können Sie unsere Mädchen ohne abgedeckte Augenpartie, also so natürlich, wie sie wirklich sind, betrachten. Auswahlentscheidungen sollen Ihnen dadurch noch leichter fallen.

  Da uns nicht nur die Sicherheit unserer Kunden, sondern auch die unserer Mädchen am Herzen liegt, bitten wir Sie um Verständnis, dass sich Stella bei uns in der Agentur melden wird, sobald sie am vereinbarten Treffpunkt angekommen ist. Es soll ja ein schöner und sicherer Abend für Sie beide werden. Herzliche Grüße, Miriam Scheitel.«             

Genüsslich lehnte er sich in seinem Bürostuhl zurück. Das tödliche Spiel konnte beginnen, es gab kein Zurück mehr. Die Stunden von Stella Backhaus waren gezählt.

  Grinsend betrachtete er das kleine schwarze Kästchen, das vor ihm lag. Dieses elektronische Teil in der Größe einer Zigarettenschachtel, das mittig mit einem Kippschalter ausgestattet war, sollte der Schlüssel zum Erfolg seines Vorhabens werden.  

Gegen Mittag beschloss er, sich ein gutes fränkisches Schäufele im »Weißen Kreuz« in Altenthann zu genehmigen. Das Wirtshaus im Nürnberger Land wurde bei seinen Gästen nicht nur wegen seiner guten fränkischen Küche, sondern auch wegen der eigenen Metzgerei der Familie Schmidt sehr geschätzt. So manchen Nürnberger Kahlfresser zog es dorthin, um die hervorragende Stadtwurst zu genießen.

Es war dreizehn Uhr sieben, als er seine Zeche bezahlte und gestärkt in sein Fahrzeug stieg. Dann holte er sein Mobiltelefon hervor und wählte Stellas Nummer.

  »Dzien dobry, kto powiem mile widziane?«, meldete sich eine weibliche Stimme.

  »Oh, ich bitte um Entschuldigung. Ich muss mich verwählt haben«, sagte er rasch und war im Begriff, die Verbindung zu unterbrechen.

  »Halt, nein, Sie haben sich nicht verwählt, hier ist Stella, was darf ich für Sie tun?«

  »Ich bin verwirrt«, sagte er. »War das Polnisch oder Tschechisch?«

  »Polnisch. Als ich die polnische Vorwahl auf dem Display sah, dachte ich, es sei jemand aus meiner ursprünglichen Heimat.«

  »Dann kommen Sie, kommst du, aus Polen?«

  »Ja, ich bin dort geboren, aber als zweijähriges Mädchen nach Deutschland gezogen. Also, was kann ich für dich tun?«

  »Die ›Mitternachtsspitzen‹ haben heute die Buchungsbestätigung erhalten. Für Samstag.«

  »Ah, du bist es. Miriam hat mich bereits informiert. Ich freue mich. Gibt es schon ein Programm — oder willst du mich überraschen?«, fragte Stella.

  »Ich kann dir versichern, dass es ein unvergesslicher Abend für dich werden wird. Übrigens, dein Profil hat mir außerordentlich gut gefallen,«

  »Oh, das freut mich sehr«, sagte Stella geschmeichelt. »Wir werden sicher ein paar schöne Stunden miteinander verbringen. Wir haben ja bis Mitternacht Zeit. Und falls wir den Spaß noch verlängern wollen, habe ich ehrlich gesagt nichts dagegen. Aber davon braucht die Agentur nichts zu wissen, okay? Das bleibt unter uns.« Sie lachte amüsiert. »Siehst du, jetzt haben wir schon ein gemeinsames kleines Geheimnis. Ich freue mich auf dich. Soll ich etwas Besonderes für den Politiker mitbringen oder anziehen?«, fügte sie in aufreizendem Ton hinzu.

  »Ich lass mich gern überraschen«, sagte er mit heiserer Stimme. »Aber ein kleiner Hinweis sei mir gegönnt: Ich mag es gern frivol.«

  Wie naiv diese Bitch doch ist, dachte er. Die Kröte mit dem Politiker wurde tatsächlich von der Agentur geschluckt. Nun vermutet die Frau sicher, an einen Goldesel geraten zu sein, der zukünftig als ihre unerschöpfliche Geldquelle sprudeln würde.

  »Wo wollen wir uns treffen? Oder holst du mich ab?«, riss Stella ihn mit sanfter Stimme aus seinen Gedanken.

  Er räusperte sich. »Kommst du direkt aus Nürnberg?«, fragte er.

  »Ich habe ein kleines Appartement in Erlenstegen«, erklärte Stella. »Dort empfange ich auch gern Kunden. Vielleicht also demnächst mal bei mir …«

  Er überlegte kurz. »Hör zu, ich bin noch in den Vorbereitungen für den Abend. Aber irgendwann einmal bei dir … das wäre keine schlechte Idee.«

  »Von der Tiefgarage aus geht es direkt mit dem Aufzug zu mir, man muss also nicht durch das Treppenhaus«, sagte Stella zuckersüß.  

  »Gut«, erwiderte er. »Ich lasse mich gern in deinen Räumlichkeiten überraschen. Und falls es in deinen Terminkalender passen sollte: Am dritten Advent bin ich wieder zu einem Geschäftsessen in Nürnberg. Wenn du Zeit und Lust hast, halt den Termin doch schon mal fest. Mein Flieger geht erst am Montag darauf. Dann würde ich dich gern die ganze Nacht buchen, Chérie

  »Warte … der dritte Advent, der 13. Dezember. Da könnten wir uns treffen. Soll ich den Termin für dich blocken?«

  »Gern, mein Täubchen, gern.«

  Er merkte, wie seine Augenlider zu zucken begannen und die Lust an seinen Lenden heraufwanderte. Er hatte das Vertrauen des Mädchens in kurzer Zeit gewonnen. Nur noch ein paar Stunden würden vergehen, bis er sie in seiner Gewalt hatte …

  »Über den genauen Treffpunkt gebe ich dir rechtzeitig Bescheid«, sagte er. Ich freue mich auf dich, Stella. Adieu!«                           

Kurze Zeit später war er wieder zu Hause angekommen, fuhr seinen PC hoch, klickte erwartungsvoll auf das erweiterte Profil von Stella Backhaus und lehnte sich genüsslich in seinem Bürostuhl zurück. Er betrachtete die Bilderserie, in der das naive Mädchen ihren makellosen Körper in aufreizenden Posen den Kunden präsentierte.

  Er spürte, wie seine Erregung allein durch den Gedanken an den gewaltsamen Tod von Stella Backhaus wuchs und sich seine sexuellen Fantasien ins Unermessliche steigerten. Seine Schläfen pochten, seine Atmung wurde tiefer. Schweißabsonderungen seiner Handinnenflächen legten sich auf die Tastatur nieder.

  Die Vorstellung, die absolute Macht über dieses Mädchen zu besitzen und den Zeitpunkt ihres Todes nach seinem Geschmack bestimmen zu können, veranlasste ihn, eine rasche Befriedigung seiner sexuellen Lust herbeizuführen. Es dauerte nicht lange, bis ein schwallartiges Zucken seinen erregten Körper durchfuhr.

Gegen Viertel vor zwei hatte er seinen Wagen mit den notwendigen Utensilien für den morgigen Abend beladen und machte sich auf den Weg zu dem Ort, den Stella Backhaus nicht mehr lebendig verlassen würde.

                  

3.Kapitel

 Freitag, 20. November 2015, 16.55 Uhr

 Haselnußweg, 90480 Nürnberg

 

Die Obergeschosswohnung mit Dachterrasse und Loggia im Stadtteil Mögeldorf war verkehrsgünstig gelegen. In unmittelbarer Nähe grenzte die Schmausenbuckstraße, von der aus man schnell den Lorenzer Wald erreichte. Im Untergeschoss des Zweifamilienhauses befand sich eine Anwaltskanzlei, die nur werktags für ihre Mandanten geöffnet war. Neben der Kanzlei hatten sich ein HNO- und ein Augenarzt sowie ein Physiotherapeut niedergelassen. Die Praxen waren bereits geschlossen. Das Wochenende hatte begonnen.  

  Er steckte den Schlüssel in das Zufahrtsschloss zur Tiefgarage und drehte nach rechts. Das Rolltor öffnete sich. Er fuhr abwärts.

  Bis auf einen, auf dem ein Wohnmobil stand, waren alle zehn Stellplätze unbesetzt. Er ging davon aus, dass sich niemand mehr in dem Gebäudekomplex aufhielt, und parkte seinen Wagen neben dem Wohnmobil.

  Das Rolltor hatte sich hinter ihm geschlossen, die Leuchtstoffröhren erhellten die einzelnen Garagenplätze. Er öffnete den Kofferraum seines Wagens, nahm einen gefüllten Zehn-Liter-Plastikkanister heraus, ging zu dem Camper, entriegelte die Tür, stieg ein und deponierte den Kanister unter dem Tisch im hinteren Wohnbereich. Danach verschloss er das Wohnmobil wieder und ging zurück zu seinem Wagen.

  Nach einem erneuten Griff in den Kofferraum schulterte er eine große schwarze Tasche, begab sich in Richtung Aufzug, drückte auf 1 und fuhr in das Obergeschoss.

   

  Oben angekommen, öffnete er die Tür zu seiner Wohnung, betätigte den Lichtschalter und ging ins Wohnzimmer, wo er die schwere Tasche von den Schultern streifte und neben der Schlafzimmertür abstellte. Dann betrat er das Schlafzimmer und begann mit seinen Vorbereitungen.  

Es war achtzehn Uhr einundfünfzig, als er die Nürnberger Innenstadt wieder erreichte, ein altes Mobiltelefon einschaltete und folgende SMS an Stella absetzte: »Die Mitternachtsspitzen freuen sich sehr. Deinem Profil habe ich entnommen, dass du gern Sushi und frische Meeresfrüchte isst. Ich habe daher ein paar leckere Spezialitäten für uns geordert. Treffpunkt morgen 19.45 Uhr Flughafen Nürnberg, Zugang ›Terminal 90‹. Ich werde dich ansprechen.«

Freitag, 20. November 2015, 19.04 Uhr

 Steinplattenweg, 90491 Nürnberg-Erlenstegen

Ein grauer Novembertag neigte sich dem Ende. Stella Backhaus döste in der Badewanne vor sich hin und genoss die Entspannung, als ihr Mobiltelefon den Eingang einer Nachricht signalisierte. Sie richtete sich auf, tastete nach einem Handtuch, trocknete sich rasch die Hände ab und griff nach dem Telefon, das sie auf dem Badewannenrand abgelegt hatte.

  Ihr Auftraggeber hatte ihr den morgigen Treffpunkt mitgeteilt. Es war der Zugangsbereich zu einer bekannten In-Diskothek, die sich in den letzten Jahren am Albrecht-Dürer-Flughafen in Nürnberg bei der Ü-30- bis Ü-50-Generation etabliert hatte. Zufrieden lächelnd legte Stella das Mobiltelefon wieder auf dem Badewannenrand ab und ließ sich zurück in den duftenden Schaum sinken.

  Sie dachte über Robert Maiwald nach. Stand das sexuelle Abenteuer für ihn womöglich gar nicht an erster Stelle? Wollte er nur jemanden haben, mit dem er sich in der Öffentlichkeit präsentieren konnte? Sein ausdrückliches Verlangen nach Diskretion hatte jedoch eine andere Sprache gesprochen. Oder war er schlicht ein wahrer Kavalier, der Frauen einfach nur verwöhnen wollte?

  Es war ihr egal. Sie fand ihn interessant, ja regelrecht charmant. Die Tatsache, dass er sie sogar mit ihren bevorzugten Gaumenfreuden überraschen wollte, freute sie. Ein wahrlicher Verehrer, der die sexuellen Handlungen an ihr nicht als Priorität anzusehen schien.

  Voller Vorfreude überlegte sie, wie frivol sie ihren Kunden morgen am »Terminal 90« empfangen würde.  

 

Freitag, 20. November 2015, 22.07 Uhr,

irgendwo im Nürnberger Land

Er legte seinen Lieblingsfilm in den DVD-Spieler, schenkte sich einen Single Malt ein und betätigte den Abspielknopf der Fernbedienung. 

»Haben die Lämmer aufgehört zu schreien[1]

  Er liebte diesen britischen Schauspieler. In Dr. Hannibal Lecter erkannte er sich selbst wieder, seinen Wahn, seine Gier. Es war der unwiderstehliche Drang, mit all seinen sexuellen Fantasien körperlich auf sein Gegenüber einzuwirken, der ihn nach Atem ringen ließ. Allein die Tatsache, dass seine Opfer ihm willenlos ausgesetzt waren, erregte ihn so sehr …

 

einige Stunden später

Die Temperaturen waren in der Nacht auf fünf Grad unter null gesunken. Tagsüber sollte das Thermometer bis maximal sechs Grad ansteigen. Er saß im Esszimmer, genoss sein Frühstück und studierte die Wochenendausgabe der »Nürnberger Nachrichten«, als sein Telefon klingelte. Er blickte auf das Display und nahm das Gespräch lächelnd an.

  »Wenn mich Fleischeslust überkommt und der Drang dabei so weit gesteigert ist, dass ich nicht mehr klar denken kann, dann muss ich Böses tun«, sagte sein Gesprächspartner ohne Begrüßung. »Hilf mir, mein Freund und Vertrauter!«

  »Tue es mit ganzer Hingabe und der notwendigen Portion Vorsicht«, erwiderte er. »Denke immer daran, dass es kein Zurück mehr gibt. Denn auch ich werde in wenigen Stunden das finden, was meine Wollust befriedigen wird. Lass uns darüber reden, wenn alles vorbei ist. Ich bin gespannt. Sei stark zu dir selbst, genieße jeden Moment deiner Erfüllung. Ich melde mich bei dir.«

[1] »Filmzitate.de« Das Schweigen der Lämmer