SAMSTAG, 19. MÄRZ 2022      Beilage für Fränkischer Tag, Bayerische Rundschau, Coburger Tageblatt, Saale-Zeitung


 Blut am Gwand Frangn Dadord


VON DIANA FUCHS


Zerstückeln, zerfetzen. So lautet die Übersetzung von defrustare. Roland Geisler hat den Titel seines fränkischen Krimis nicht zufällig gewählt. Doch wer oder was wird im neuesten „Dadord in Frangn“ zerhäckselt? Und warum verschwinden im idyllischen Frankenland katholische Priester? Rasch wird dem Leser klar: In „Defrustare“ geht es um Kindesmissbrauch hinter dicken Kirchenmauern. Warum Roland Geisler das aktuelle Thema aufgegriffen hat und wie viel Wahrheit in seinem Buch steckt, verrät der frühere Ermittler des Zollkriminalamtes im Interview.
Die Abgründe menschlichen Fehlverhaltens können nicht so tief sein, wie Sie es in „Defrustare“ beschreiben. Roland Geisler: Oh doch. Alles, was ich über Kindermissbrauch in „De-frustare“ schreibe, ist wahr, leider. Seit Anfang des Jahres kann das jeder nachlesen, denn das Westphal-Gutachten, das sich detailliert mit den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche befasst, genau gesagt im Erzbistum München und Freising, ist online für jeden abrufbar unter https://westphal-spilker.de. Als Sie Ihr Buch geschrieben haben, war das Gutachten noch nicht fertig. Aber es gab schon ein Urteil zu ähnlich gelagerten Fällen im Bistum Aachen – ein Vorgeschmack auf das Gutachten für das Erzbistum München und Frei- sing. Ich habe nur Schauplätze und Namen erfunden. Waren Sie als früherer Ermittler geschockt von den Ergebnissen? Ich habe in meinem Beruf viel Schockierendes erlebt, aber die abscheulichen Verbrechen hinter Kirchenmauern, zum Teil gedeckt von den Kirchenoberen, haben mich so richtig aufgebracht. Wenn es um sexuelle Gewalt an Schutzbefohlenen geht, hört bei mir alles auf. Ein schlimmeres Verbrechen gibt es nicht.
Hatten Sie selbst in Ihrer Ermittlerkarriere mit Missbrauch durch die Kirche zu tun? Ja. In meiner Kölner Zeit haben wir im Rahmen einer Amtshilfe für das Bundeskriminalamt bei einem Pfarrer, der sonntags in der Kirche hehre Worte gepredigt hat, auf zwei Rechnern harte Pornos mit Kindern gefunden. So etwas erschüttert einen zutiefst und man fragt sich, ob denn da wirklich nie-
mand etwas geahnt hat – oder ob es

 KRIMINELL Mit brutaler Deutlichkeit will
Ermittler und Autor Roland Geisler in seinem
Frankenkrimi „Defrustare“ aufzeigen, welche
Dimension der sexuelle Missbrauch in der
Kirche angenommen hat.

Roland Geisler Frangn Dadord

Sechs „Frangn-Dadorde“ sind auf dem Markt, der siebte folgt. Roland Geisler bereut seinen Wechsel vom Ermittlungsbeamten zum Buchautor nicht. Foto: Diana Fuchs


Menschen gab, die wegschauten.Ist „Defrustare“ Ihre Kritik an der Kirche als Institution? Ich glaube, dass die Kirche sich nicht nur mit der Aufklärung und Aufarbeitung der Fälle befassen muss, sondern auch mit der Frage der persönlichen Verantwortlichkeit von Kirchenoberen. Da wurden Triebtäter einfach nur versetzt statt sie zur Rechenschaft zu ziehen. So haben die Oberen fortdauernde sexuelle Übergriffe geduldet und sich selbst dadurch auch schuldig gemacht. Die Kirche muss ihr gesamtes Macht-System überdenken. Nicht nur in „Defrustare“, sondern in all ihren „Dadord“-Bänden beschreiben Sie

detailliert, wie das Töten funktioniert. Haben Sie nicht Angst, jemanden um Morden anzustiften? Jeder, der einen Mord begehen will,kann heutzutage einfach googeln, wie man das am besten macht. Von daher habe ich keine Angst, als Anstifter für potenzielle Mörder zu dienen. Deutsche Krimis sind mir oft viel zu unrealistisch. Ich schreibe deshalb einfach, was ich erlebt habe. Als ehemaliger Ermittler habe ich viele Hintergrundinformationen, die meine Krimis zwar brutal, aber auch realistisch machen. Zum Beispiel? Wenn es um Täterermittlung geht, gibt es zum Beispiel die Möglichkeit, ein Phantombild zu erstellen, auch wenn

Roland Geisler

Zur Person Aufgewachsen in Schwarzenbruck bei Feucht, zog es den Diplom-Finanzwirt Roland Geisler, Jahrgang 1959, nur für wenige Jahre aus Franken heraus: Nach zehn Jahren beim Zollfahndungsamt Nürnberg,
als Ermittler im Waffen- und Sprengstoffbereich, wechselte er zum Zollkriminalamt nach Köln. Dort war er unter anderem in der Terrorismus- und Proliferationsbekämpfung eingesetzt und hospitierte dabei beim Bundeskriminalamt in Meckenheim bei Bonn. Bis zum vorzeitigen Ruhestand 2012 war
er im Ermittlungsreferat des Generalbundesanwalts tätig. Mit seiner Partnerin wohnt er in Allersberg. Bücher: Seit Oktober 2021 ist „Defrustare“ auf dem Markt. In Kürze wird der siebte Band von „Dadord in Frangn“ erscheinen, „Raptare – für ewig mein!“. Mehr vom Autor: www.dadord-frangn.com Defrustare Frangn Dadord
niemand den Täter gesehen hat. Das funktioniert rein durch DNA. In Deutschland ist diese Methode aus Datenschutzgründen verboten, andere Länder – etwas Großbritannien oder Israel – wenden sie bei Kapitalverbrechen längst an. Ich würde das bei uns auch erlauben! Wieso sind Sie mit Anfang 60 eigentlich nicht mehr im aktiven Dienst? Als ich 52 war, gab es einen Vorfall, über den ich nicht sprechen darf und auch nicht will. Ich konnte den Dienst bei ZKA nicht mehr ausüben. Im Vorruhestand brauchte ich eine Aufgabe. Ich habe gemerkt: Es gibt zwar viele Frankenkrimis, aber die sind oft an den Haaren herbeigezogen. Also habe ich angefangen, über wahre Ermittlungshandlungen zu schreiben. Nur über wahre Begebenheiten?  Wenn man die Themen betrachtet – sexuelle Eskapaden, Rauschgift, Geldwäsche, Teufelsanbetung...– , fragt man sich schon, ob Franken wirklich so kriminell ist. Ja, ist es. Jedes Buch beinhaltet wahre Begebenheiten.  Insgesamt ist jedes Werk aber natürlich eine Mischung aus Wahrheit und Fiktion. Das ist genau der gewisse Mehrwert, den ich meinen Lesern offenbaren möchte. Haben Sie gleich einen Verleger für Ihre „Dadorde“ gefunden? Ich produziere alle Bände von „Dadord in Frangn“ im Eigenverlag. Als Beamter war ich das spannungsgeladene Schreiben erst nicht gewohnt, deshalb suchte ich mir mit Sina Vogt und Julia Seuser Lektorinnen, die meine Arbeit gegen Umsatzbeteiligung verfeinert haben. Mittlerweile bin ich aber auch selbst geübt darin, Spannungbögen herauszuarbeiten Ihr Ermittler Schorsch Bachmeyer mit der lockeren mittelfränkischen Zunge – das sind in Wirklichkeit Sie, oder?
Ja, ich bin das. Zu hundert Prozent. Den Namen habe ich von meinem Patenonkel übernommen, der bereits gestorben ist. Auch meine Mutter, die
ebenfalls nicht mehr lebt, spielt in jedem „Dadord“ mit – sie ist die Gunda. Wenn Bachmeyer also Geisler ist, dann beschreiben die Einkehrschwünge der Ermittler, die in keinem Band fehlen, Ihre kulinarischen Favoriten in Franken? Genau. Bachmeyer und ich lieben fränkische Kost. Deshalb verraten wir, wo wir am liebsten Blut- und Leberwurst essen, wo es den nettesten Italiener oder die beste Stimmung im Bierkeller gibt. In Franken gibt’s ja nicht nur Mord und Totschlag, sondern auch geniale Gaumenfreuden.